Berufskraftfahrer sind auch in Villingen-Schwenningen dringend gesucht.
Berufskraftfahrer sind auch in Villingen-Schwenningen dringend gesucht. (Foto: sbo)
sbo und Eva-Maria Huber

Adel Smajlovic streift mit Vergnügen den orangefarbenen Overall über. Seit Herbst macht er eine Ausbildung zum Fahrer beim Entsorgungsunternehmen Remondis. Gerne hätte sein Ausbilder, Manuel Abend, weitere Azubis eingestellt. „Doch den Job will keiner mehr machen.“

Zum Einstieg in das Gespräch nennt Manuel Abend, bei Remondis Ausbildungsbeauftragter für die Sparte Berufskraftfahrer Baden-Württemberg, ein paar „alarmierende Zahlen“. Tausende von Berufskraftfahrern fehlen. Zudem seien die Fahrer im Durchschnitt Mitte vierzig. Der Nachwuchs fehle.

Bei dem bundesweit operierenden Müllentsorgungsunternehmen Remondis, das den Landkreis Schwarzwald-Baar mit betreut und damit auch die Doppelstadt, sieht zumindest die Altersstruktur nicht viel besser aus. Von 69 Fahrern sei knapp die Hälfte älter als 50 Jahre. Eine Entwicklung, die dazu geführt habe, den Fokus wieder stärker auf die Ausbildung junger Fahrer zu setzen. Derzeit verfüge das Unternehmen zwar noch über ausreichend Mitarbeiter in den Müllwagen, doch „wir müssen auch an unsere Zukunft denken“.

Das große Problem dabei: Der Andrang sei alles andere als groß. Lediglich der junge Bosnier Adel bewarb sich auf den Ausbildungsplatz. „Wir hätten jedoch noch drei weitere junge Leute ausbilden können“, relativiert Abend die Zahl. Während Adel sich um die Verbesserung seiner deutschen Sprachkenntnisse bemüht und immer wieder davon erzählt, wie schön er seinen Beruf und damit auch die Ausbildung findet, berichtet Manuel Abend von den Gründen für das magere Echo auf Ausbildungsmöglichkeiten im Berufskraftfahrerbereich.

Das Image sei generell gesunken. Früher sei der Beruf die Verkörperung von absoluter Freiheit gewesen, doch der Berufsalltag und der gesellschaftliche Blick auf die Fahrer habe sich stark gewandelt. „Diese werden nur noch als Hindernis wahrgenommen“, erzählt er. Zudem sei auch der Stress extrem gestiegen: Die Fahrer seien wochenlang nicht zuhause, müssten sich mit Speditionen herumärgern, stehen im Stau und werden teils noch abgestraft, wenn sie 30 Minuten zu spät ans Ziel kommen. Zwar haben Remondis-Mitarbeiter geregelte Arbeitszeiten. Doch auch ihnen sind Ärger und Stress nichts Neues: Beschimpfungen und Pöbeleien seien keine Seltenheit, wenn manchen Autofahrern das Leeren von Tonnen oder Holen der Gelben Säcke nicht schnell genug gehe, berichtet Abend vom Alltag seiner Müllwerker.

Hat der Beruf des Lastwagenfahrers generell ein solch schlechtes Image? Wenn Klaus Helm, Pressesprecher der Agentur für Arbeit, einige aktuelle Zahlen interpretieren soll, dann „eindeutig ja“. Im gesamten Zuständigkeitsgebiet der Agentur schrieben Unternehmen und Betriebe für die Sparte Berufskraft-Fahrer 30 Ausbildungsplätze aus und bekamen magere fünf Bewerbungen. In der Baubranche wurden 13 Ausbildungsplätze gemeldet, auf die sich insgesamt sechs Bewerber meldeten. „Die Speditionen suchen händeringend Fahrer“, so Helms Fazit. Wie für Manuel Abend liegt auch für Klaus Helm eine der Hauptursachen für den Mangel in der Abschaffung der Wehrpflicht. Neun von zehn ehemaligen Bundeswehrsoldaten hatten ihren Führerschein beim Bund gemacht und konnten diesen beruflich nutzen, was vor allem in der Speditionsbranche spürbar war.

Wie sehen Spediteure aus VS die Entwicklung? Marius Neininger, Vorsitzender der Geschäftsführung Bächle Logistics, hat ganz eigene Erfahrungen gemacht bei dem Versuch, bei der Messe „Jobs for future“ junge Leute anzuwerben. Ein zweckloses Bemühen, erinnert er sich. Alle Eltern hätten ihre Kinder gleich am Stand „reihenweise“ vorbeigeschoben, nach dem Motto, „werde alles, bloß nicht Fernfahrer“. Auch für ihn liegen die Gründe auf der Hand – die sozialen Rahmenbedingungen stimmen nicht. Geringe Wertschätzung schlage sich nieder in geringer Bezahlung und unattraktiven Arbeitszeiten. Der Verdienst eines Berufskraftfahrers liegt, je nach Alter, zwischen 2050 Euro und knapp 2200 Euro brutto im Monat.

Wer sich aktuell in ein Führerhaus setzen möchte, muss die Fahrlizenz entweder über die Ausbildung und damit den Betrieb machen oder mehrere tausend Euro aus eigener Tasche bezahlen. Das schlechte Image des Berufs verschärfe die Situation noch: „Um solche Jobs reißt sich niemand mehr“, bekräftigt Helm. Der junge Bosnier Adel ist die Ausnahme. Gefragt, warum er sich zum Berufskraftfahrer ausbilden lassen möchte, kommt die Antwort prompt: „Das macht mir Freude.“ Lediglich das frühe Aufstehen falle ihm etwas schwer, fällt ihm dann doch noch ein kleiner Minuspunkt ein. Immerhin arbeitet der Vater als Fernfahrer für eine Spedition und hat das Interesse des Sohnes geweckt. Doch bis der 20-Jährige seine Ausbildung beginnen konnte, „waren noch große bürokratische Hürden zu nehmen“, erinnert sich Manuel Abend. An den Deutschkenntnissen müsse Adel noch arbeiten, „aber wir unterstützen ihn dabei“. Immerhin kann Adel auch auf familiäre Unterstützung bauen. Seine Schwester spricht Deutsch.

Zur Verdeutlichung der dramatischen Entwicklung; Im Vorjahr sind rund 30 000 Lkw-Fahrer aus Altersgründen ausgeschieden. Die Folgen: In der Logistikbranche in Deutschland fehlen zwischen 45 000 und 60 000 Lastkraftwagenfahrer. Das schätzen der Bundesverband Spedition und Logistik (DSLV) und der Bundesverband Güterverkehr Logistik und Entsorgung (BGL). Die Branche will den Beruf nun attraktiver machen und gezielt Frauen ansprechen. Der Anteil weiblicher Fahrer liegt aktuell bei gerade mal 1,6 Prozent. Geringer Lohn und schlechte Arbeitsbedingungen haben die Tätigkeit zunehmend unbeliebt gemacht, heißt es weiter.

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