„Nur maximal 20 Rollen“ steht auf einem Hinweisschild an den leeren Regalen für Toilettenpapier in einem auswärtigen Supermarkt.
„Nur maximal 20 Rollen“ steht auf einem Hinweisschild an den leeren Regalen für Toilettenpapier in einem auswärtigen Supermarkt. Neue Ware soll hier im Verlaufe des Tages geliefert werden. (Foto: Symbol: Kay Nietfeld)
sbo und Cornelia Spitz

Inmitten der Corona-Krise blüht in Villingen-Schwenningen auch etwas auf: Solidarität, Rücksichtnahme und Nächstenliebe. Fassungslos steht ein Doppelstädter vor leeren Supermarktregalen. Wie leer gefegt ist das Nudelregal. Nachdem am Freitagabend vermeldet worden war, dass die Schulen in Villingen-Schwenningen ebenso wie die Kindergärten bis nach den Osterferien geschlossen bleiben werden, war der Andrang in den Super- und Drogeriemärkten des Oberzentrums am Samstag gewaltig.

Besonders gefragt: Nudeln, Milch Konserven, aber auch Klopapier. „Ich wünsche Euch Durchfall, Ihr Egoisten“, machte ein Villingen-Schwenninger seinem Unmut angesichts eines leeren Toilettenpapier-Regals im Drogeriemarkt unverhohlen Luft. Mit diesem Unmut stand er nicht alleine da. War angesichts mancher Szene beim Wochenendeinkauf Schlimmes zu befürchten, verkehrte sich die Lage in vielen Bereichen im Laufe des Wochenendes ins Gegenteil: Private Treffen wurden abgesagt – weniger um sich nicht anzustecken als vielmehr um mitzuhelfen, die Verbreitung des Coronavirus dadurch zu verlangsamen. Stattdessen packten viele Familien bereits am Samstagabend die guten alten Gesellschaftsspiele aus und posteten im Internet fleißig Bilder ihres Alternativ-Programms. Absagen von Veranstaltungen oder Ankündigungen von Schließungen öffentlicher Einrichtungen wurde zumindest mit Verständnis, sehr oft aber sogar mit breiter Zustimmung begegnet.

Ist die Schließung der Schulen und Kindergärten auch für manche berufstätigen Eltern mit Sorgen verbunden, reagierte indes die Stadtverwaltung Villingen-Schwenningen schnell mit einem entsprechenden Angebot: Auf der Homepage der Stadtverwaltung wurde ein Fragebogen veröffentlicht, mit dem die Eltern einen Notfall-Betreuungsplatz geltend machen können. Nach Prüfung der Ansprüche erfolgt die Rückmeldung an die Eltern, welche Kinder einen Betreuungsplatz erhalten und in welchen Einrichtungen dieser angeboten werden kann. Alle anderen Kinder sind ab Dienstag, 17. März, privat und von zu Hause aus zu betreuen. „Bleiben Sie Mensch, bleiben Sie gesund!“, wünschte Oberbürgermeister Jürgen Roth.

„Das macht uns in Deutschland, und vor allem in VS aus.“ Und genau das taten sie dann auch, die Doppelstädter. Sie begegneten einander zumindest in der digitalen Welt und unterbreiteten manch überraschendes Angebot. In der Facebook-Gruppe „Stadtgeflüster VS“ beispielsweise wurde ein Formular kreiert, das in Mehrfamilienhäusern aufgehängt werden kann – darauf können sich all jene mit ihren Kontaktdaten eintragen, die anderen, etwa Älteren, Erkrankten oder unter Quarantäne stehenden Mitbewohnern helfen möchten. Botengänge, Besorgungen oder Einkäufe lassen sich so unkompliziert übernehmen.

In der Gruppe „Share-Ring VS“ wurde ein Sammelbeitrag gestartet, in dem die verschiedensten Angebote gemacht werden. Eine Doppelstädterin beispielsweise bietet an, auf die Kinder von Familien aufzupassen, die keinen Betreuungsplatz erhalten, aber arbeiten gehen müssen. Silke T. sorgt sich um die Kundschaft der Tafelläden und will sich mit anderen „zusammentun und den Läden oder den Menschen etwas helfen – auch jetzt hat bestimmt fast jeder was daheim, was er abgeben kann“. Und viele weitere bieten ganz unkompliziert an, für andere einzukaufen.

An anderer Stelle in der Gruppe läuft es genau anders herum: Eine Frau bittet um Hilfe – „bin Lungenkrank und immunsuppresiert und möchte so wenig wie möglich raus gehen“ – ihr wird geholfen. Ein anderes Gruppenmitglied bietet an, das Rezept beim Arzt abzuholen und der Hilfesuchenenden nach Hause zu bringen.

Aber die Administratorin der Gruppe für Nachbarschaftshilfe und Gemeinschaft, Petra Neumann, schwebt noch viel mehr vor für diese Zeit der „Zwangsentschleunigung“, wie sie im Gespräch verrät: Anleitungen für Do-it-Yourself- oder Garten-Projekte und Kreativanregungen beispielsweise. Der unkomplizierte Austausch gelesener Bücher, aber auch kurzweilige Online-Spiele in der Gruppe. „Ich weiß, das schützt natürlich nicht vor einer Depression“, sagt die Administratorin schmunzelnd, vielleicht sei es aber ein ganz guter Weg, gemeinsam zu entschleunigen. Davon jedenfalls, dass die Doppelstädter der zwischenmenschlichen Herausforderung der Corona-Krise gewachsen sind, ist einer zutiefst überzeugt:

OB Jürgen Roth. „Wir müssen jetzt alle zusammenhalten und mithelfen. Gemeinsam können wir diese Krisensituation am besten meistern – das macht uns in Deutschland, und vor allem in Villingen-Schwenningen aus.

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