Unter Aufsicht der beiden Abstauber (links), Jörg Schlenker und Bärbel Noel, wischen die beiden Villinger Zunftmeister, Anselm
Unter Aufsicht der beiden Abstauber (links), Jörg Schlenker und Bärbel Noel, wischen die beiden Villinger Zunftmeister, Anselm Säger und Alexander Brüderle (rechts) den Staub der Schwenninger Schemen vom Bühnenboden der Neckarhalle. (Foto: Diebold)
Michael Pohl

Der Dreikönigstag war ein Tag der Premieren: Es war das erste Abstauben unter Lutz Melzer als Zunftmeister der Narrenzunft Schwenningen, das erste Mal in der Neckarhalle und erstmals im Beisein von Neu-Oberbürgermeister Jürgen Roth.

Vergangene Woche konnte sich Oberbürgermeister Roth Stück für Stück an seinem neuen Arbeitsplatz vortasten. Eine Eingewöhnungszeit in der Neckarhalle vor rund 500 Narren bekam er hingegen nicht. Da Roth jedoch nicht gleich für die kommunalpolitischen Sünden ohne sein bisheriges Zutun büßen sollte, prüfte ihn Zunftmeister Lutz Melzer anderweitig auf Herz und Nieren. So musste sich Roth einem „Eignungstest“ unterziehen. Seine Leistung beim Erraten von verpixelten Bildern, die Melzer an die Wand projizierte, sei „ausbaufähig“, bilanzierte der Zunftmeister.

Immerhin, den Schwenninger Hansel gleich zu Beginn, und sich selbst ganz zum Schluss erkannte Jürgen Roth auf Anhieb. Dass der neue Oberbürgermeister allerdings durchaus fasnetserprobt ist, machte er in seiner anschließenden Rede deutlich. Nachdem beim Abschied von Rupert Kubon im Dezember die Zunftmeister der Villinger Narrozunft, Anselm Säger und Vize Alexander Brüderle, die Bühne mit einem Sketch quasi eröffnet haben, versuchte Roth die Schwenninger zu trösten: „Lieber Zunftmeister, auch wenn an eurer neuen Bühne einer sägert, so können wir doch alle Brüderle sein.“

Dass es ausgerechnet die beiden waren, die die Neckarhalle eröffnet haben, ging auch Abstauber Jörg Schlenker nicht so recht runter. „Dass unsere Halle von zwei Villingern eröffnet wird, können wir ja gerade so noch hinnehmen. Aber es ist eine Frechheit, dass es ausgerechnet der Zunftmeister und sein Lakai waren“, sicherte sich Schlenker den tosenden Beifall der mehr als 500 Gäste. Nachdem er und Bärbel Noel die Fahne, Schemen und G’schell abgestaubt hatten, wandten sich beide wieder der Villinger Abordnung zu, zitierten Säger und Brüderle auf die Bühne und ließen sie den Staub vom Bühnenboden aufwischen. Nur mit Lumpen, ohne Wasser. „Des isch halt eine Trockenübung“, konterte Bärbel Noel die entsprechende Beschwerde der beiden „Butzesel“, wie sie Schlenker titulierte.

Doch es war nicht nur die Villinger Narrozunft, die am Sonntagvormittag ihr Fett weg bekam. 136 Anekdoten, so Schlenker, seien im Vorfeld bei den beiden Abstaubern eingereicht worden. Während Bärbel Noel in der neuen Halle hin und her wetzte und sich zeitweise sogar durch die Katakomben in Richtung Bühnentechniker bewegte, trug Jörg Schlenker von der Bühne aus eine Geschichte nach der anderen vor. Von Zunftmitglied und Stadtrat Jürgen Jauch, der beim Einkaufen im Dauchinger Discounter von seiner Frau Silke vergessen wurde, vom Ehepaar Glass, das am falschen Sonntag ihr Wahllokal aufsuchte, aber auch von Rolf Rabe, der sich mit seiner Frau ein schönes Silvester im Hotel machte und fünf Stunden lang den Motor seines Mercedes auf dem Parkplatz laufen ließ. „Opel, Daimler oder Golf – Feinstaubalarm dank Rabe Rolf“, reimte Schlenker.

Dass die meisten Ausrutscher der Zunftmitglieder stets einen feuchtfröhlichen Hintergrund haben, ist bekannt. Eine etwas andere Interpretation von feuchtfröhlich lieferte Ehrenzunftmeister Ralf Prätzas. Er war an der letztjährigen Kulturnacht in Begleitung unterwegs und unterschätzte ganz offenbar das Interesse der restlichen Besucher am Auftritt der Spider Murphy Gang. Doch, so berichtete Abstauber Schlenker, wollten Prätzas und Gefolge ihren Heimvorteil ausspielen und versuchten durch diverse Hinterhöfe und Gärten an den Menschenmassen vorbei auf den Muslenplatz zu kommen. Doch die Gruppe hatte die Rechnung ohne einen Anwohner gemacht, der mit einer Wanne voll Wasser im Obergeschoss eines Hauses lauerte. „Spider Murphy Gang in den Ohren, im Sperrbezirk hast Du halt nichts verloren“, kommentierte Schlenker den nassen Ausflug der Kulturliebhaber.

Während der Schwenninger Fanfarenzug unter Leitung von Volker Beier die Premiere des Abstaubens in der Neckarhalle mit dessen Einmarsch eröffnete, und der Musikverein Harmonie unter Leitung von Harald Leibold die Veranstaltung während dessen musikalisch begleitete, beendeten die Narren im Saal den Fasnetsauftakt mit dem Schwenninger Narrenlied nach rund drei Stunden.

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