Auch 30 Jahre nach dem Mauerfall ist sie im Schwarzwald zuhause

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 Silke Herzog in ihrem Augenoptikergeschäft „Sehland“ in Schwenningen.
Silke Herzog in ihrem Augenoptikergeschäft „Sehland“ in Schwenningen. (Foto: Marx)
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Vor 30 Jahren ist die Mauer gefallen. Kurz zuvor war die Augenoptikerin Silke Herzog in den Westen geflohen und wagte in Villingen-Schwenningen den Schritt in die Selbstständigkeit.

„Es war auf jeden Fall der richtige Weg für mich“, sagt sie heute. Herzog ist in Jena geboren. Dass VS-Schwenningen zu ihrem heutigen Lebensmittelpunkt geworden ist, habe sich ganz zufällig so ergeben, wie sie sagt. „1989, noch vor der Maueröffnung, bin ich mit meiner vierjährigen Tochter über die ungarische Grenze nach Gießen geflüchtet. Dort landeten wir zunächst in einem Auffanglager. Aber schon eine Woche später habe ich angefangen bei Apollo zu arbeiten.“

Die Kollegen hätten ihr erzählt, dass in VS-Schwenningen eine Teilzeitstelle frei sei. „Also bin ich mit Sack und Pack nach Tuningen gezogen.“ Aus der Teilzeitstelle wurde dann leider nichts, und so musste sie Vollzeit arbeiten. Das sei mit Kind schon etwas kompliziert gewesen, habe aber funktioniert. „Und ein Jahr später habe ich das Geschäft auch schon übernommen.“

Zum Zeitpunkt des Mauerfalls war sie gerade in einem Übergangswohnheim im Lahntal und habe es im Radio gehört. „Es war schon ein wenig komisch, denn ich hatte zuvor alles zurückgelassen, und nun waren die Grenzen auf einen Schlag offen.“ Natürlich habe sie sich gefreut, dass es möglich war, Freunde und Familie wieder besuchen zu können. Und auch Telefonieren sei endlich gegangen, das hatte wegen des überlasteten Telefonnetzes der DDR leider nie funktioniert. „Allerdings hatte ich tatsächlich nie daran gedacht, wieder zurück in den Osten zu gehen.“ Auch wenn sie immer ein bisschen Heimweh im Herzen hatte. Aber für solche Gedanken war im Alltag mit Kind und Selbstständigkeit schlichtweg keine Zeit.

Zu den Gründen ihrer Flucht sagt Silke Herzog: „Ehrlich gesagt, war das für mich einfach ein großes Abenteuer, das ich auch noch ziemlich blauäugig angegangen bin. Ich war 28, frisch geschieden und hatte weder eine Westmark in der Tasche, noch kannte ich jemanden dort.“ Sie erinnert sich noch gut an die ersten Erfahrungen, die sie – neu im Westen und neu in der Selbstständigkeit – machte: ““Das war sehr aufregend – vor allem die Sprache! Wenn richtige Schwenninger Urgesteine in den Laden kamen, war das manchmal recht lustig. Aber am Ende hat man sich doch immer verstanden – manchmal eben auf kleinen Umwegen.“

Der größte Unterschied war für Herzog die freie Marktwirtschaft. „Im Osten habe ich mich geldtechnisch immer sicher gefühlt, da konnte einem nicht viel passieren. Hier im Westen allerdings konnten einem Fehler teuer zu stehen kommen.“ Immer wieder sah sie sich anfangs auch skeptischen Kunden gegenüber. „Schließlich kam ich aus dem Osten und war ich mit meinen 28 Jahren auch noch die jüngste Augenoptikermeisterin, die mein Arbeitgeber in Westdeutschland beschäftigte.“ Doch das hat sich geändert: „Mittlerweile sind die größten Skeptiker von damals meine treuesten Kunden´“, freut sie sich.

Richtig angekommen sei sie erst im Jahr 2007. „Das war, als ich zusammen mit meinem Freund, der aus dem Hochschwarzwald kommt, nach Eisenbach gezogen bin. Die Leute hier sind sehr weltoffen, hilfsbereit und unglaublich fleißig.“ Allerdings müsse sie zugeben, dass sie sich hin und wieder trotzdem wie ein Indianer fühle: „Hier gehöre ich nicht wirklich dazu, weil meine Familie und meine Schulfreunde noch im Osten sind. Aber im Osten gehöre ich genau so wenig dazu.“

Heute sei sie stolz darauf, dass sie bereits eine Woche nach ihrer Reise in den Westen eine Arbeitsstelle hatte. Das sei ihr besonders wichtig gewesen. Rückblickend sei auch die Selbstständigkeit der richtige Weg für sie gewesen. „Aber einfach war es nie. Die Bürokratie nimmt immer mehr überhand und gleichzeitig muss ich mit der Konkurrenz aus dem Internet Schritt halten.“ Ein weiteres Standbein ist ihre Sehschule, die sie vergangenes Jahr über ihrem Laden eröffnet hat. „Dort bieten wir Visualtraining für Kinder und Erwachsene an, die beispielsweise häufig Buchstaben verwechseln oder die durch häufige Arbeit vor dem Bildschirm an Übelkeit leiden.“

Ihre Devise lautet: „Man muss immer am Ball bleiben, um im Geschäft zu bleiben.“ Und das dürfte 30 Jahre nach dem Mauerfall wohl überall gelten: im Westen wie im Osten.

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