50 Jahre MPS-Studio gebührend gefeiert

Lesedauer: 5 Min

Jazz aus Chicago und Italien präsentiert US-Komponist Rob Mazurek (Piccolo-Trompete) mit dem italienischen Quartett „Immortal B
Jazz aus Chicago und Italien präsentiert US-Komponist Rob Mazurek (Piccolo-Trompete) mit dem italienischen Quartett „Immortal Birds Bright Wings“ beim Jubiläumskonzert des MPS-Studios im Franziskaner-Konzerthaus in Villingen. (Foto: Trenkle)
Wolfgang Trenkle

Wären Duke Ellington oder Oskar Peterson noch am Leben, wären sie vielleicht am Samstag ins Franziskaner-Konzerthaus nach Villingen gekommen. Dort wurde gebührend gemeinsam mit mehreren 100 Gästen der 50. Geburtstag des Villinger MPS-Studios gefeiert.

MPS steht für Musikproduktion Schwarzwald und war Garant für analoge Plattenproduktionen von damals höchster Qualität, insbesondere im Genre des Jazz. Viele Jazz-Größen aus der ganzen Welt, wie Peterson oder Ellington, gaben sich in den 60er- und 70er-Jahren im Studio auf dem Gelände der damaligen Saba-Werke die Klinke in die Hand. 2010 verlieh das Land Baden-Württemberg dem Studio den Titel Kulturdenkmal von besonderer Bedeutung.

Zweieinhalb Stunden herrschte am Samstagabend im Franziskaner-Konzerthaus neben feierlicher Getragenheit eines Jubiläums auch die innovative Stimmung einer Jazz-Session. In Zusammenarbeit mit dem städtischen Kulturamt hatte der MPS-Förderverein hierbei einerseits mit Rob Mazurek aus Chicago einen aktuellen weltbekannten Jazzer eingeladen. Zum anderen richtete sich die Aufmerksamkeit auf Künstler aus den Hochzeiten des MPS-Studios. Hier konnten die Veranstalter die Brüder Rolf und Joachim Kühn gewinnen – 1967 nahmen sie mit “Transfiguration „ ihre erste gemeinsame Schallplatte auf, die prompt international auf ein großes Echo stieß.

Bevor das Jubiläumskonzert musikalisch startete, würdigte Töni Schifer vom Förderverein des MPS-Studios Marlies Brunner-Schwer, die Witwe des, das MPS-Label prägenden Gründers, Hans Georg Brunner-Schwer, sowie Lisa Boulten, damals Produktionsassistentin im Studio. Nationale Grenzen spielten und spielen in der Musik kaum eine Rolle. So hatte sich der US-Komponist und Bläser Rob Mazurek im Schwarzwälder Villingen für seinen Auftritt exklusiv mit dem italienischen Jazz-Quartett „Immortal Birds Bright Wings“ zusammengetan. Den Künstlern Cristiano Calcagnile (Schlagzeug), Danilo Gallo (Bass), Fabrizio Puglisi Klavier), Pasquale Mirra (Vibraphon) gelang hierbei unter der Führung von Rob Mazurek an der Piccolo Trompete eine eindrucksvolle Gratwanderung zwischen dem perfekten Spiel komponierter Jazz-Strukturen und Improvisation sowie dem Wechsel zwischen Solospiel und Einbindung ins Ensemble. Mazurek scheut sich nicht auch unübliche Klänge ins Spiel einzubringen – beispielsweise rasselnde Töne oder Schreie. Der Chicagoer zeigte sich begeistert von der hervorragenden Akustik des Konzertsaals.

Trotz des eindrucksvollen Konzertbeitrags fand sich der Höhepunkt des Abends allerdings nach der Pause im Auftritt der beiden Jazz-Legenden Joachim und Rolf Kühn. Als einer der ganz wenigen deutschen Jazzmusiker hatte der heute 89-jährige Klarinettist Rolf Kühn beispielsweise mit US-Größen wie Benny Goodman und Tommy Dersey zusammengespielt. Bereits 1950 wurde er erster Saxofonist des RIAS Tanzorchesters in Berlin. 1954 erhielt Kühn beim europäischen Jazz-Wettbewerb schon die Auszeichnung „Bester Klarinettist“. Sein 74- jähriger Bruder Joachim prägt als Jazz-Pianist ebenfalls das Genre wie kaum ein anderer. „Die Musiker konnten machen, was sie wollten, sie wurden von ihm unterstützt – Hauptsache es war gut“, so Joachim Kühn rückblickend im Bühnengespräch mit dem MPS-Fördervereinsmitglied Friedhelm Schulz äußerst positiv über MPS-Gründer und Leiter Brunner-Schwer.

An rund 20 MPS-Schallplatten war Joachim Kühn beteiligt. Rolf Kühn lobte das Vorhaben, das Studio wieder zum Leben zu erwecken. Im von 3Sat für eine Fernsehdokumentation aufgenommenen Spiel der beiden flammte anschließend die für den Jazz so prägende Leidenschaft in Kombination mit Virtuosität und Improvisation auf. Dass Ganze in höchster Qualität. Spätestens, wenn die beiden Senioren zu musizieren beginnen, spielt das Alter keinerlei Rolle mehr. Virtuosität, Präzision, Dynamik oder Bühnenpräsenz übersteigen jene vieler ihrer jungen Kollegen. Der dem Jubiläum angemessene umfangreiche Konzertabend wird den zahlreichen Besuchern vermutlich nicht mehr aus dem Gedächtnis gehen.

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen