Publikum dreht mit „Gräfin Mariza“ am Rad der Zeit

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Schwäbische Zeitung

Tuttlingen - Das Rad der Zeit um 89 Jahre zurückgedreht: Mit einer spritzigen Aufführung der Kálmán-Operette „Gräfin Mariza“ entführten Orchester und Ensemble des Operettentheaters Salzburg aus der gut besuchten Stadthalle auf ein ungarisches Landgut. Um Standesdünkel und Intrigen, um verletzten Stolz und innige Liebe geht es in der dreistündigen Operette. Die Librettisten Julius Brammer und Alfred Grünwald gaben den beiden Hauptfiguren, der „armen reichen“ Gräfin und dem tatsächlich verarmten Grafen, eine steinreiche Tante, eine ahnungslose junge Schwester und zwei heiße Verehrer mit auf den Weg in das turbulente Geschehen. Graf Tassilo (in Tuttlingen von dem gebürtigen Tiroler Eugene Amesmann hinreißend gespielt und gesungen) arbeitet als Gutsverwalter unter einem falschen Namen, um eine Mitgift für seine kleine Schwester Lisa zu verdienen. Seine Herrin, Gräfin Mariza, wähnt er in Budapest. Bis sie eines Tags vor der Tür steht und Amor seines Amtes waltet. Doch bis zum Happy End gibt es noch viele Stolpersteine: Birgitta Wetzl gelingt es bestens, die von Mitgiftjägern verfolgte und daher Männern gegenüber misstrauische Mariza zu verkörpern. Sie verliebt sich zwar in ihren Verwalter, fällt jedoch auf die Intrige des eifersüchtigen Fürsten Moritz Populescu herein. Manfred Schwaiger, voluminöser Bariton, sorgt den ganzen Abend für große Heiterkeit im Saal. Auch Alexander Helmer ist in der Rolle des Gutsbesitzers aus Varaždin passend besetzt, wenn er auch manchmal mit Hackenschlagen, Händeküssen und dem „Värgnügän, bittaschän“ die Grenze des Komischen auslotet.Absolut reizend spielt und singt die 34-jährige Augsburgerin Iva Mihanovic die Lisa. Im Gefolge Marizas kommt sie auf das Gut, staunt nicht schlecht, dort ihren Bruder anzutreffen und verliebt sich prompt in einen der Verehrer Marizas. Im echten Leben ist Mihanovics seit fünf Jahren Gefährtin des um 48 Jahre älteren Maximilian Schell. Als Zigeunerin Manja liest die ukrainische Mezzosopranistin Kateryna Pacher die Zukunft aus Marizas Handlinien und unterhält die feine Gesellschaft mit ihrem gekonnten Spiel auf der Bandura, einer Lautenzither. Melodiös folgt Geiger Dan Atipa der Aufforderung Tassilos in der bekannten Arie „Komm, Zigán, spiel mir was vor“. Erst im dritten Akt haben Franziska Stanner als steinreiche Tante Tassilos und Fritz Stein als ihr Kammerdiener ihren Auftritt, doch sie werden rasch zu Publikumslieblingen. Drei Paare des Dortmunder Ballettensembles Illo Tempore überzeugen als junge Bauersleute ebenso, wie als verruchte Can-Can-Tänzer. Christian Pollack gelingt es als Dirigenten des 28-köpfigen Orchesters, Emmerich Kálmáns breite musikalische Palette - vom romantischen „Sag ja, mein Lieb, sag ja“ über einen kessen Shimmy bis zum feurigen Czárdás und zur Wiener Walzerseligkeit- nachzuvollziehen. Bravo-Rufe und mehrere Vorhänge belohnten das Ensemble für drei genüssliche und unbeschwerte Stunden.

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