Zukunft des Medizintechnik-Clusters Tuttlingen: Alles eine Frage der Digitalisierung

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 Der Geschäftsführer des Prognos-Standorts in Stuttgart, Tobias Koch (links), im Gespräch mit Sören Lauinger, Leiter des Werks 3
Der Geschäftsführer des Prognos-Standorts in Stuttgart, Tobias Koch (links), im Gespräch mit Sören Lauinger, Leiter des Werks 39 von Aesculap. (Foto: Christian Gerards)
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Den nächsten Vortrag im Rahmen der „Medtech Shaker“-Reihe im Werk 39 bestreitet Prof. Heiner Schaz von der Universität Freiburg. Sein Thema lautet am Dienstag, 19. März 2019, um 18.30 Uhr „Effecuation und Märkte als Netzwerk“. Hinter dem Begriff Effecuation verbirgt sich eine unternehmerische Entscheidungslogik, die in Situationen der Ungewissheit eingesetzt werden kann.

Einen Blick in die Zukunft der Medizintechnik im Landkreis Tuttlingen hat am Dienstagabend Tobias Koch, Leiter des Stuttgarter Büros des schweizerischen Wirtschaftsforschungs- und Beratungsunternehmens Prognos, gegeben. Der in Tuttlingen aufgewachsene Referent war zu Gast bei den „Medtech Shakers“ im Werk 39 des Tuttlinger Medizintechnik-Unternehmens Aesculap.

Sören Lauinger, Leiter des Werks 39, berichtete, dass der Bruder von Tobias Koch, Jan Koch, im Werk 39 arbeiten würde. Er selbst habe den Referenten, der zwar in Hamburg geboren wurde, aber im Alter von einem Jahr nach Tuttlingen gekommen war, bei den Arbeiten zum Film „Auf Messers Schneide“ über die Tuttlinger Medizintechnik kennengelernt. „Wir legen Wert darauf, dass wir die Referenten aus dem Landkreis Tuttlingen rekrutieren“, sagte Lauinger.

Und mit Tobias Koch hatte er keinen schlechten Griff gemacht. Der Prognos-Mitarbeiter wollte mit seinem Vortrag für die zukünftigen Risiken der Medizintechnik sensibilisieren. Auch wenn der Kreis im Prognos-Zukunftsatlas aus dem Jahr 2016 auf Rang 64 von 402 Landkreisen und kreisfreien Städten in Deutschland gelandet sei (wir berichteten), so habe er Nachholbedarf bei der Digitalisierung (siehe Kasten).

Das Medizintechnik-Cluster Tuttlingen mit seinen rund 400 Unternehmen sei „ausgesprochen dynamisch“ und verfüge über eine besondere Qualität. In den vergangenen Jahren sei die Anzahl der Beschäftigten aufgebaut worden: „Hier entwickelt sich nach wie vor die Industrie, woanders ist es die Dienstleistung.“ Fast 20 Prozent aller rund 62 000 Arbeitsplätze im Kreis seien in der Medizintechnik zu finden. Jeder zehnte Job in der deutschen Medizintechnik mit seinen rund 120 000 Beschäftigten sei im Kreis Tuttlingen verankert. Ein vergleichbares Medizintechnik-Cluster sei „vielleicht eine Handvoll Mal“ auf der Welt zu finden.

Hochschullandschaft ausbaufähig

Das Cluster sei eine Stärke, wenn es wirtschaftlich gut laufe, zeige aber bei einem Abschwung auch seine Schwächen. Wichtig sei eine wissenschaftliche Vernetzung der Unternehmen – und dabei sei die Region mit ihren sechs Hochschulen und nur einer unabhängigen Forschungseinrichtung, die Hahn-Schickard-Gesellschaft für angewandte Forschung in Villingen-Schwenningen, nicht unbedingt gut aufgestellt. Hierdurch gibt es einen „schleichenden Verlust“ bei den 18- bis 30-Jährigen.

Aufgrund der Digitalisierung müssten sich die Unternehmen fragen, wie lange ihr Geschäftsmodell noch klappen wird. Zentrale Megatrends und Einflussfaktoren seien die Automatisierung, die Digitalisierung, die Urbanisierung, neue Mobilitätskonzepte, die Stadt von Morgen, der Wandel der Arbeitswelt, die Individualisierung, disruptive Innovationen (Innovationen, die einen neuen Markt schaffen und bestehende Produkte verdrängen) und hybride Wertschöpfung (Bündelung von Industriewaren und Dienstleistungen). „Diese Veränderungen müssen die Unternehmen in den Blick nehmen“, sagte Koch. Die Veränderungen hin zu einer Gesellschaft 5.0 würden neue Fragen hervorbringen, etwa digitale Lösungen als Alltagshelfer. So könnten Pflegeroboter zum Einsatz kommen, die auch einen schleichenden Druck auf die OP-Säle ausüben könnten. Gesamtheitliche Gesundheitslösungen würden auch weniger OP-Einsätze hervorbringen.

IT-Player drücken in den Markt

Die Unternehmen müssten sich darauf einstellen, dass auch Player aus der IT-Branche, die viel Geld in die Forschung und Entwicklung stecken, in den Medizintechnik-Markt drücken: „Es gilt, sich darauf vorzubereiten“ – und das bei einem Rückstand Deutschlands in der Digitalisierung im Vergleich mit anderen Ländern. Der Tuttlinger Medizintechnik-Cluster verfüge zudem über keine Kernkompetenz bei bildgebenden Verfahren, neuen und intelligenten Verfahren und bei der Sensorik. Dabei würden die einfachen und standardisierten Produkte aufgrund der veränderten Kundenanforderungen an Bedeutung verlieren. Daher müssten sich die Unternehmen vermehrt um Kooperationen kümmern, sei es innerhalb der Branche oder im Verbund mit IT-Unternehmen.

Tuttlingen steht nicht so gut da

Das Wirtschaftsforschungs- und Beratungsunternehmen Prognos hat zusammen mit dem Handelsblatt vor wenigen Tagen den „Digitalisierungskompass 2019“ veröffentlicht. Darin untersucht das Unternehmen, wie sehr die einzelnen Landkreise und kreisfreien Städte bereits digitalisiert sind. Anders als noch beim Zukunftsatlas von 2016 mit Rang 64 steht dabei der Landkreis Tuttlingen nicht so rosig da. Im Vergleich mit den 402 Landkreisen und kreisfreien Städten in Deutschland kommt Tuttlingen nicht über Platz 171 und damit einen Rang im Mittelfeld hinaus.

Untersucht wurden in der Studie der digitale Arbeitsmarkt, die Entwicklung der Branche für Informations- und Kommunikationstechnologie (IKT) sowie die Breitband-Infrastruktur. Beim digitalen Arbeitsmarkt schneidet der Landkreis Tuttlingen mit Rang 58 noch verhältnismäßig gut ab. Bei der IKT-Branche landet der Landkreis mit Platz 306 nur im hinteren Mittelfeld. Nicht viel besser, nämlich auf Rang 263, steht er bei der Breitband-Infrastruktur da. Zum regionalen Vergleich: Der Landkreis Rottweil landet auf Platz 72 (Arbeit: 75; IKT: 131; Breitband: 88), der Schwarzwald-Baar-Kreis auf Platz 138 (88; 77; 260). Nicht viel besser als um Tuttlingen steht es um den Landkreis Konstanz. Er rangiert auf Platz 159 (103; 80; 270). Weit abgeschlagen rumpelt der Landkreis Sigmaringen auf Rang 354 (244; 243; 75) daher.

Auf Platz eins landet übrigens der Landkreis München (1; 1; 110) vor der Stadt München (4; 3; 22). „Wenn Breitband nicht gegeben ist, wird man abgehängt“, betonte Tobias Koch am Dienstag bei seinem Vortrag im Werk 39 von Aesculap.

Den nächsten Vortrag im Rahmen der „Medtech Shaker“-Reihe im Werk 39 bestreitet Prof. Heiner Schaz von der Universität Freiburg. Sein Thema lautet am Dienstag, 19. März 2019, um 18.30 Uhr „Effecuation und Märkte als Netzwerk“. Hinter dem Begriff Effecuation verbirgt sich eine unternehmerische Entscheidungslogik, die in Situationen der Ungewissheit eingesetzt werden kann.

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