Zugabe – ein letztes Mal noch

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 Schröder und Staub
Schröder und Staub (Foto: Claudia Steckeler)
Claudia Steckeler

Eine weitere Ausgabe von „Zugabe – der kabarettistische Jahresrückblick“ wird es 2020 von Volkmar Staub und Florian Schroeder nicht mehr geben. Denn nach 15 Jahren ist nun Schluss mit den gemeinsamen Rückblicken der beiden so unterschiedlichen Akteure. Und wer sie am Samstagabend in der Angerhalle in Tuttlingen-Möhringen nicht live erlebt hat, dem sind zweieinhalb Stunden voller schräger Szenen, Parodien, Liedern und Gedichten entgangen. Eine vergnügliche kabarettistische Schocktherapie, die es in sich hatte. Für die sich das begeisterte Publikum immer wieder mit viel Beifall bedankte.

So unterschiedlich, und mehr oder weniger ereignisreich, die vergangenen zwölf Monate in Deutschland waren, so unterschiedlich waren die Akteure auf der Bühne: Zum einen der scheinbar abgeklärte, gemütliche Liedermacher und Wortspielphilosoph Volkmar Staub, der als Winnetou für seine roten Brüder mit der „Big-Fat-Mama“ Andrea Nahles an der Spitze „bätschi, bätschi, schwarz sieht“. Oder in Anspielung auf den Hambacher Forst mit Nachdruck fordert: „Lasst den Forst und fällt den Horst“. Oder als österreichisches „Rumpelstilzchen“ lautstark und bitterböse bemängelte, dass Österreich in der Vergangenheit den Fehler gemacht habe, die wichtigsten Staatsmänner an andere Staaten abgegeben zu haben.

Auch Löw und Merkel bekommen ihr „Fett“ weg

Zum anderen das scheinbar jugendliche Pendant. Der schnell plappernde Florian Schroeder, der mühelos und täuschend echt Prominente wie Merkel und Co. imitiert, und dabei mit scharfer Zunge nicht an bitterbösen Kommentaren spart. Da bekommen Bundeskanzlerin Angela Merkel und Bundestrainer Jogi Löw, die beide Deutschland zum Weltmeister machen wollten, ihr satirisches „Fett“ weg. Scheiterten beide doch an Rassismus und Integration und standen vor dem Aus: „Denn den Deutschen ist es noch nie bekommen, wenn sie in Russland gekämpft haben. Sie haben noch nie gewonnen, damals nicht, und heute nicht. Allerdings scheiterten sie dieses Mal schon in der Vorrunde“, stellte Florian Schroeder fest. Wobei er auch auf den Misserfolg bei der Integration des, aus einem angrenzenden „Gottesstaat“ stammenden, Innenministers hinwies.

Sie holten politisch-satirisch zum Rundumschlag aus: Zum einen auf Friedrich Merz oder AKK, „die den Karren aus dem Dreck ziehen oder eventuell an die Wand fahren wird“, sowie auf Markus Söder, der im öffentlichen Raum trotz der, im Grundgesetz verankerten, Religionsfreiheit Kruzifixe aufhängt. Aber auch auf die anarchischen Zustände bei der sächsischen Polizei, „viele werden erst bei der Polizei zu Nazis. Das ist „dermaßen - der Maaßen“, so die Wortspielerei der beiden Kabarettisten. In den Fokus nahmen sie auch die „sympathische Volkspartei“ die Grünen, oder die AFD mit Alice Weidel, der Volker Staub das Lied „Ich will keine Alice Weidel, ich will Maoam, das man kauen und auf den Boden spucken kann. Who the fuck is Alice Weidel“ widmete.

Die beiden Kabarettisten spannten kritisch, hintergründig, satirisch, ironisch, ab und an bitterböse, den Bogen von der großen Politik zu Trump, dem Brexit, und den Themen Plastikmüll, Diesel, Kreuzfahrten und Vielfliegerei bis hin zur, durch die schwäbische Invasion der „Saitewürstle, Maultaschen, Linsen mit Spätzle und Audi-Fahrern“ gestörte, Ur-Berliner Idylle am Prenzlauer Berg.

Nichts und niemand ist und war vor Staub und Schroeder sicher. Super dabei die filmischen Einblendungen mit gezielten Ausschnitten aus absurden Kommentaren und Reden, die Talkshows, Gespräche am Kaminfeuer. Für das Publikum war bei dieser Polit-Satire, bei der an diesem Abend ohne Rücksicht auf Political-Correctness sprichwörtlich die Fetzen und Pointen flogen, nicht nur Mitlachen, sondern vor allem auch Mitdenken angesagt. Selbstverständlich forderte dieses am Ende noch einige Zugaben ein.

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