Zauberer von Oz zündet auch nach gut 100 Jahren noch

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 Farbenfroh waren die Kostüme bei der Aufführung des „Zauberers von Oz“ in der Stadthalle.
Farbenfroh waren die Kostüme bei der Aufführung des „Zauberers von Oz“ in der Stadthalle. (Foto: Kornelia Hörburger)
Kornelia Hörburger

Tuttlingen - L. Frank Baums „Der Zauberer von Oz“ ist aus der Sorte Stoff gemacht, die auch 100 Jahre nach der Erstveröffentlichung immer noch nachfolgende Generationen begeistert – zumal in einer so hinreißenden Musical-Adaption, wie sie das „Theater mit Horizont“ aus Wien am Sonntagnachmittag auf die Stadthallenbühne gebracht hat.

Nach einem Wirbelsturm findet sich die kleine Dorothy im fantastischen Land Oz wieder. Sie schließt Freundschaft mit einer Vogelscheuche, einem Mann aus Blech und einem Löwen. Jedem der Freunde fehlt etwas: der Vogelscheuche das Hirn, weil ihr Kopf voller Stroh ist, dem Mann aus Blech fehlt ein Herz, dem Löwen fehlt es an Mut – und Dorothy fehlt ihr Zuhause.

Hilfe erhoffen sich alle vier beim Zauberer von Oz, zu dem sie von Dorothys Zauberschuhen geführt werden. Auf diese Schuhe hat es auch eine Hexe abgesehen, doch die Freunde bezwingen das Böse mit vereinten Kräften - und mit Musik. In der Smaragdstadt entpuppt sich der Zauberer zwar als Hochstapler – doch er verhilft den Freunden zur Erkenntnis: Alles, wonach sie sich sehnten, tragen sie bereits in sich.

Schon beim Erscheinen 1900 wurde L. Frank Baums Buch hochgelobt. Mit der Verfilmung 1939 mit Judy Garland als Dorothy ging die Geschichte schließlich um die ganze Welt und wurde seither vielfach adaptiert.

Clemens Handler und Gernot Kugler vom „Theater mit Horizont“ aus Wien haben die Handlung deutlich gestrafft und dadurch auch für Kleine verständlich aufbereitet. Beängstigende Elemente wurden entschärft. So vereint die böse Hexe Glissandra alle bösen Mächte der ursprünglichen Geschichte in einer Person, ist aber gleichzeitig auch urkomisch.

Die hinreißende Musik lassen Handler und Kogler am Ende jeder Szene in harmonische Mehrstimmigkeit münden. Die fünfköpfige Truppe setzt aber auch solistisch stimmliche Glanzlichter. Die bezaubernd jugendliche Dorothy etwa überzeugt mit einer konstant starken klaren Stimme. Und der Löwe lässt schon bei seinem gefühlvollen Vorstellungs-Blues stimmgewaltig aufhorchen. Hexe Glissandra singt nicht nur mit bombensicherem Sopran, sie kichert auch ihr hämisches Hexenlachen in Koloraturen auf- und abwärts.

Dabei schlüpft Glissandra nicht nur aus ihrer Starrolle der bösen schwarzen Zauberin schnell ins weiße Röckchen der guten Hexe, sie gibt mit großer Flexibilität dazu noch Dorothys Tante und den Zauberer. Die Sympathien des Publikums haben sich die anderen Mitwirkenden ebenfalls schnell gesichert: von der schlaksig-unbekümmerten Vogelscheuche über den hiphoppenden Blechmann bis zum mitleiderregend ängstlichen Löwen.

Farbenfrohe Kostüme und Kulissen bieten dabei ein Fest fürs Auge. Im prächtigen Riesenblumen-Wald agieren gar Löwe und Blechmann noch vor ihrem ersten Auftritt mit Esprit als sprechende Blüten.

Viele Plätze sind an diesem Sonntagnachmittag leergeblieben, dabei hätte die Aufführung einen vollen Saal verdient gehabt – und die Geschichte ohnehin. Fantasy, Abenteuer, Freundschaft und die Sehnsucht nach Eigenschaften, die man, ohne es zu ahnen, bereits besitzt – diese Themen haben nichts an Aktualität eingebüßt. Das hat die Begeisterung der anwesenden Zuschauer gezeigt.

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