Wenn Gebrauchtes wertvoll wird

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Jacken für fünf Euro, Trinkgläser für einen Euro: Viele Kunden des Diakonieladens Kaufkultur kommen gleich mehrmals täglich in d
Jacken für fünf Euro, Trinkgläser für einen Euro: Viele Kunden des Diakonieladens Kaufkultur kommen gleich mehrmals täglich in den Laden zu Heike Dürnberger (links) und ihrem Team, da sich das Sortiment stündlich ändern kann. (Foto: sabine Krauss)

Er ist das Gegenteil der Wegwerf-Gesellschaft und eine Anlaufstelle für viele, deren Geldbeutel eher dünn bestückt ist: der Diakonieladen Kaufkultur an der Oberen Hauptstraße 9. Zum Einkaufen kommen rund 180 Kunden – und das jeden Tag. Eine stolze Zahl für einen kleinen Laden und ein Erfolgsmodell, finden die Verantwortlichen der evangelischen Diakonie Tuttlingen. Auch mehrere Langzeitarbeitslose haben dort eine Arbeit gefunden.

Der Ladenraum ist gut besucht an diesem Vormittag. Die Kunden – überwiegend Frauen – drängen sich an Regalen mit Geschirr und Ständern mit Kleidung vorbei. „Es gibt viele, die zwei Mal am Tag kommen“, weiß Heike Dürnberger, die seit sechs Jahren als festangestellte Kraft in der Kaufkultur arbeitet. Kein Wunder: Wird im Laufe des Tages eine Spende abgegeben, wandert diese nach kurzer Sichtung direkt in den Verkaufsraum. „So ändert sich das Sortiment manchmal stündlich und es ist immer eine Überraschung, was es gerade gibt“, sagt Dürnberger.

„Spiegel der Gesellschaft“

Seit 2009 gibt es den Diakonieladen an der Oberen Hauptstraße mittlerweile. Einkaufen darf jeder – egal wie dick der Geldbeutel ist. Die Resonanz zeigt den Diakonie-Verantwortlichen Rebekka Wald und Dennis Kramer, wie wichtig eine derartige Einrichtung ist. „Die Kundschaft besteht vor allem aus Menschen, die wenig Geld zur Verfügung haben“, sagt Wald. Je nach Angebot gibt es Leggins und Trinkgläser für einen Euro, Pullis und Vorhänge für 3,50 Euro oder Mäntel für fünf Euro. Stark nachgefragt sind auch Schuhe, „doch da fehlen oft die Spenden“, meint Diakonie-Geschäftsführer Kramer. Ebenfalls nur kurze Zeit im Laden verweilen kleine Elektrogeräte, die bei den Kunden immer begehrt sind.

Davon, dass Gebrauchtes und Aussortiertes nicht unbedingt schmuddelig und negativ behaftet sein muss, haben sich die Kaufkultur-Mitarbeiter und -Kunden schon längst überzeugt. „Ich finde hier fast immer etwas“, sagt etwa eine ältere Kundin. Heute entscheidet sie sich für eine Jacke, die äußerlich fast wie neu aussieht. „Die Qualität der Textilsachen ist meistens sehr gut“, weiß auch Kramer. An den stets rege abgegebenen Spenden merke man, dass Tuttlingen wohlhabend sei: „Der Gebrauchtmarkt ist immer auch ein Spiegel der Gesellschaft“, sagt der Diakonie-Geschäftsführer.

Sorgen bereiten ihm höchstens die steigenden Löhne seiner Mitarbeiter. Denn das Modell der Kaufkultur sieht vor, dass sich der Laden selbst finanziert. Bislang gelang das gut, selbst Rücklagen habe man bilden können, sagt der Geschäftsführer. Um den Angestellten einen Arbeitsplatz bieten zu können, von dem sie sicher leben könnten, sind sie an den öffentlichen Dienst angelehnt. Hier gelten jedoch Tarifabschlüsse und das stufenweise Ansteigen des Gehalts bei steigender Arbeitsdauer. „Und unsere Erlöse steigen nicht in gleichem Maße wie die Löhne“, blickt Kramer darauf, dass bald Jahre anstehen könnten, in denen es mit Rücklagen-Bildung knapp werde.

Vier Arbeitsplätze für langzeitarbeitslose Menschen wurden so in den vergangenen Jahren geschaffen – zwei von ihnen arbeiten in der Kaufkultur, zwei im Altkleider- und Möbelprojekt in der Diakonieeinrichtung an der Föhrenstraße. Insgesamt 20 Ein-Euro-Jobs, je zehn pro Standort, kommen dazu. Für Heike Dürnberger etwa war der Arbeitsvertrag der Schritt heraus aus der Langzeitarbeitslosigkeit.

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