Wenn der Märchenwald im Asche liegt

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16 Jahre lang war das Werk der Witterung ausgesetzt.
16 Jahre lang war das Werk der Witterung ausgesetzt. (Foto: Heppeler)
Jeremias Heppeler

Kunst im öffentlichen Raum sieht sich nicht zu unrecht einer konsequenten Generalkritik ausgesetzt. Sie ist starr! Unbeweglich. Während in der zeitgenössischen Kunst der Diskurs und Kontext stetig an Bedeutung gewinnt, während vor dem Hintergrund digitaler Revolution Künstler immer quirliger und reaktionsschneller agieren müssen, siechen Kunstwerke im öffentlichen Raum nicht selten vor sich hin. Die ursprüngliche Bedeutung scheint längst vergessen, die optischen Reize sind längst zur bloßem Deko verkommen, nicht selten nimmt man die Werke gar nicht mehr als solche war, weil sie halt eben schon immer da waren. Eingebettet in diese Kontextkissen steuert der Ulmer Künstler Johannes Pfeiffer einen bemerkenswerten Beitrag zur diesjährigen Donaugalerie bei.

Im Zuge der kleinen Landesgartenschau „Trilogie 2003“ hatte Pfeiffer sein „Waldlabyrinth“ in Tuttlingen installiert. Die Installation lud zur Interaktion und zum Verweilen ein, ein optischer, aber eben auch handfester Abenteuerspielplatz, der

aber von Beginn an allen Witterungen und der damit einhergehenden Vergänglichkeit ausgesetzt war.

16 Jahre später bekommt das „Waldlabyrinth“ nun einen neuen Anstrich – im wahrsten Sinne des Wortes. Pfeiffer rasierte und stutzte seine mittlerweile von der Zeit gezeichnete Arbeit, entfernte die verbindenden Dachplatten, bis einzig die kahlen Stämme gen Himmel ragten. Ebendiese übergoß der Künstler dann mit schwerflüssigen, rabenschwarzen Bitumen. Der Märchenwald transformiert sich unter der Teerschicht zum Ort der Dunkelheit und des Zerfalls. Von Weitem sieht es für den Beobachter so aus, als hätte Pfeiffer die Arbeit in Brand gesetzt.

Die dadurch geweckten Assoziationen purzeln nur so auf uns nieder. Einerseits denken wir an die Regenwälder, jene übersprudelnden Lebensarchive, die der Mensch aus reiner Profitgier in Schutt und Asche brennt. Pfeiffers Bildsprache besitzt hier eine ungeheure Durchschlagskraft: Der vermeintliche Spielplatz wird zur natürlichen Ruine, zum mahnenden Mahnmal.

Andererseits denken wir an die Kunst an sich und deren Geschichte. An die Symbolik der Farbe schwarz, die uns konsequent das Ende vor Augen führt, aber eben auch Unendlichkeit verspricht. Diese Doppelung ist in Pfeiffers Arbeit besonders präsent zu spüren. Denn das Bitumen zeichnet zwar ein fast postapokalyptisches Szenario, in Wahrheit ist es aber genau dieser schwarze Überzug, der das „Waldlabyrinth“ konserviert und von nun an haltbar machen wird.

Für die eingangs angedachten Problematiken ergeben sich indes faszinierende Erkenntnisse: Kunst im öffentlichen Raum muss nicht unbeweglich sein, wir müssen sie weiter denken, diskutieren, verformen, einnehmen und umcodieren. Wir müssen sie aktualisieren und kritisieren. Nur dann besitzt sie eine Berechtigung, eine Stimme abseits der bloßen Dekoration. Es ist wichtig, dass die Donaugalerie, die ja zyklisch funktioniert, auftaucht und verschwindet, aber auch tiefe Spuren im Tuttlinger Stadtbild hinterlässt, auch genau diese kritischen und poetologischen Positionen mitdenkt und präsentiert.

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