Warum viele Wildtiere durch den Hegau wandern

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Ein wunderschönes Tier: der Luchs.
Ein wunderschönes Tier: der Luchs. (Foto: Rolf Haid/dpa)
Schwäbische Zeitung

Kaum drei Wochen ist es her, dass in einem Waldstück im nördlich Hegau ein Luchs gesichtet wurde. Zwei weitere dieser extrem scheuen Wildtiere wurden im Oberen Donautal und auf dem Heuberg gesehen. Tuttlingen liegt in einem Wildkorridor, den die Tiere auf ihrer Wanderung vom Schwarzwald bis zur Schwäbischen Alb passieren, sagt Frieder Dinkelaker, Amtsleiter Forstamt für den Landkreis Tuttlingen.

Das liegt an den großen, geschlossenen Waldgebieten, die es hier noch gibt, denn Luchse benötigen einen Lebensraum von mehreren hundert Quadratkilometern. Allerdings wird die Landschaft mehr und mehr von Straßen zerschnitten. „Davor haben die Tiere Respekt“, sagt Dinkelaker.

Luchse seien zwar regelmäßige Durchwanderer, allerdings sind Sichtbeobachtungen dieser extrem scheuen Tiere sehr selten. Rund 40 Kilo bringt ein junger Luchs auf die Waage. Frieder Dinkelaker: „Wenn wir Rückmeldungen bekommen, heißt es oft, dass jemand eine sehr große Katze gesehen habe.“ Hinweise ergeben sich eher durch Spuren, wie gerissenes Wild. Dabei sei es der Traum eines jeden Försters, einmal im Leben einen Luchs in freier Wildbahn beobachten zu können. Sieht schlecht aus: „Die Tiere rennen weg, wenn Gefahr droht.“

Fuchs: Ganz anders verhält es sich mit Füchsen. Die sind mittlerweile eine echte Plage. Füchse sind intelligente Tiere und als Kulturfolger in der Lage, sich dem Stadtleben des 21. Jahrhunderts anzupassen und so in den Genuss etlicher Annehmlichkeiten zu kommen. Dinkelaker kennt eine Füchsin, die ihre Jungen in den Heuballen des Reitvereins aufgezogen hat. Ungestört ist anders.

Exakte Zählungen gibt es nicht

Zählungen dieser Wildtiere gibt es laut dem Forstamtsleiter nicht. Dass es mehr als genug sind, steht außer Frage. Aufgrund der guten Bedingungen – überall finden sich Essensreste, und sei es im Napf der Katze – vermehren sie sich stark. Zudem dürfen sie in Siedlungsnähe nicht gejagt werden. Einige Tuttlinger würden sogar absichtlich Futter bereitstellen, um Füchse anzulocken, „schließlich sind es ja schöne Tiere“. Doch Vorsicht: Sie übertragen Krankheiten – vor allem den Fuchsbandwurm. Der Fuchs fungiert dabei als Zwischenwirt, ein Befall kann für den Menschen tödlich sein, sagt Frieder Dinkelaker: „Um Gottes Willen nicht anfassen oder streicheln!“

Marder: Auch dieses Raubtier hat gelernt, mit uns zu leben. Spuren findet man –leider – am Auto, weil die neugierigen, aufgeweckten Tiere mit ausgeprägtem Spieltrieb die Kabel durchgebissen haben. Allerdings sieht man sie sehr selten, da sie recht klein und nachtaktiv sind. Auch hier warnt der Förster: „Verendete Tiere nur mit Handschuhen anfassen.“

Dachs: Er ist, laienhaft ausgedrückt, so etwas wie die größere Ausgabe des Marders. „Hier gibt es eine sehr, sehr hohe Dichte an Dachsen“, sagt der Fachmann. Wieder: Ende der 1950er, 60er Jahre waren sie durch die Tollwutbekämpfung stark dezimiert. Heute werden sie wieder bejagt, denn vor allem für die Landwirtschaft sind Dachse eine echte Plage. Sie essen gerne Mais. Wenn im Herbst geerntet wird, stehen die Bauern nicht selten vor einer bösen Überraschung. Wildschäden werden sichtbar, die von außen nicht zu sehen waren: niedergerissene Stengel und angefressene Maiskolben. Auch sie sind nachtaktiv, und wie der Förster sagt: „wunderschöne Tiere“.

Schwarzwild: Wildschweine machen nach wie vor das Hauptrisiko für Wald und Flur aus. „Sie vermehren sich fröhlich“, haben aber Strategien entwickelt, wie sie sich verbergen können. Nicht nur in Berlin haben sie längst die Stadt erobert. Dort leben mittlerweile 4000 Tiere.

Rot- und Gamswild: Tatsächlich tauchen in unserer Region öfters Gemsen auf, die hier Richtung Sigmaringen und ins Donautal durchziehen. Dinkelaker: „Sie unterliegen einem Monitoring. Wir haben immer wieder Lebendbeobachtungen, aber nicht in zu hohen Dichten.“ Fridingen liege auf einem der Korridore, den die Wildtiere auf ihre Wanderung zur Schwäbischen Alb benutzen.

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