Viele Kinder glauben, an der Sucht der Eltern schuld zu sein

Lesedauer: 7 Min
 Unter der Sucht der Eltern leiden auch die Kinder.
Unter der Sucht der Eltern leiden auch die Kinder. (Foto: dpa/Alexander Heinl)
Schwäbische Zeitung

„Sie haben sich gestritten, Sachen sind durch die Gegend geflogen, es war laut. Das ging meist bis spät in die Nacht hinein, so dass ich kaum schlafen konnte.“ Marina spricht ruhig, fast ausdruckslos, wenn sie über ihre Kindheit berichtet. Ihre Eltern sind alkoholkrank – beide. In dieser Woche wird bundesweit die Aktionswoche „Kinder aus Suchtfamilien“ begangen. Auch die Fachstelle Sucht in Tuttlingen beteiligt sich.

Sie bietet Beratung für Betroffene und auch für Angehörige an. Außerdem gibt es ein wöchentliches Gruppenangebot für Kinder und Jugendliche aus Familien mit Suchtbelastungen. „Bei den ,Yolo Kids’ bekommen die Kinder und Jugendlichen altersangemessene Informationen, verlässliche Ansprechpartner um über Sorgen zu sprechen wieder zu lernen, Kind zu sein“, so Marcus Abel, Leiter der Suchtberatungsstelle. Das Angebot sei kostenlos und beinhalte auch einen Fahrdienst.

Denn es gebe Hoffnung für Kinder aus Suchtfamilien. So hätten sie gute Chancen, sich trotz widriger Kindheitsumstände relativ gesund zu entwickeln, wenn es in ihrer Umgebung erwachsene Vertrauenspersonen gebe, die sich ihnen zuwenden, ihnen zuhören und ihnen das Gefühl vermitteln, angenommen und wertvoll zu sein. Solche sicheren Bezugspersonen können Großeltern oder andere Verwandte sein, aber auch Lehrer, Erzieherinnen, Eltern von Spielfreunden oder Mitarbeiter von Jugendfreizeitheimen.

Die 16-jährige Marina, die mit alkoholkranken Eltern aufgewachsen ist, versucht, jegliche Emotion hinter einer Maske von Coolness zu verstecken. Doch als sie weiterspricht, hört man die Trauer in ihrer Stimme. „Manchmal haben sie mich für irgendwas angegriffen, für was ich gar nicht verantwortlich war. Mit der Zeit habe ich mich in mir selber verkrochen und war immer sehr ruhig. Und immer hatte ich das Gefühl, dass ich daran schuld bin, dass meine Eltern trinken.“

Berichte wie der von Marina seien typisch für Kinder suchtkranker Eltern. Sie wachsen in einer spannungsgeladenen Atmosphäre auf und leben in ständiger Unsicherheit, was ihre betrunkenen Eltern im nächsten Moment tun werden. Auf 2,6 Millionen wird die Zahl der Kinder aus Suchtfamilien von Experten geschätzt. „Etwa jedes sechste Kind in Deutschland wächst somit im Schatten der Sucht auf. Sehr früh übernehmen diese Kinder Verantwortung für die Eltern und springen in die Bresche, wenn die Erwachsenen – suchtbedingt - ausfallen“, so die Fachstelle Sucht. Nicht selten erledigten die Kinder den Haushalt und versorgten die kleineren Geschwister. Und oftmals kümmern sie sich so sehr um die Bedürfnisse ihrer Eltern, dass sie darüber verlernen, Kind zu sein.

Auch Marina entwickelte feine Antennen, und lernte, aus Stimmungen, Gesten, Nuancen abzulesen, was ihre Eltern brauchten. Vor allem spürte Marina aber eines: Wann ihre Eltern Nachschub brauchten. „Wenn man alkoholkranke Eltern hat, achtet man immer darauf, dass sie genügend Alkohol haben, damit der Pegel stabil ist, damit die sich nicht auf einmal anders benehmen.“ Wenn es hart auf hart kam, ging Marina auch schon mal nachts zur Tankstelle, um Hochprozentiges für die Eltern zu besorgen.

„Kinder von Suchtkranken schämen sich für ihre Eltern, und versuchen zugleich alles, um sie zu schützen“, wissen die Berater der Suchtstelle. Niemand außerhalb der Familie soll erfahren, dass Vater oder Mutter ein Suchtproblem haben. So dürfen die Kinder oft keine Freunde mit nach Hause bringen und erzählen notfalls Lügengeschichten, um den Schein der Normalität zu wahren. Innerlich quält sie das Gefühl, anders zu sein als andere Kinder, nicht normal und nicht liebenswert zu sein.

Eine solche Kindheit hinterlässt Spuren in den Seelen der Kinder. Rund ein Drittel von ihnen entwickele in der Jugend oder im Erwachsenenalter eine eigene stoffliche Sucht. Ein weiteres Drittel zeige psychische oder soziale Störungen. Viele Kinder, die mit süchtigen Eltern aufwuchsen, würden sich wieder einen Süchtigen als Lebenspartner suchen und damit das Programm weiterleben, das sie bereits als Kinder verinnerlicht haben.

Wenn Kinder oder Jugendliche gegenüber einer erwachsenen Vertrauensperson ansprechen, dass es zu Hause ein Suchtproblem gibt, sei es wichtig, dass ihnen geglaubt wird und dass sie Informationen über Sucht erhalten. Abel: „Sie müssen erfahren, dass Sucht eine Krankheit ist, an der sie keine Schuld haben. Sie brauchen den Zuspruch, dass ihrer Eltern keine schlechten Menschen sind. Sie müssen verstehen, dass sie als Kinder den Eltern nicht helfen können und dass es nicht ihre Aufgabe ist, die Sucht zu heilen.“

Weitere Informationen gibt es bei der Fachstelle Sucht, Telefon 07461 / 966480.

Meist gelesen in der Umgebung

Die Kommentarfunktion ist für Sie aktuell gesperrt. Bitte wenden Sie sich an unseren Kundenservice für weitere Infos.
Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen

Mehr Themen