„Vergessene Komponisten“ beflügeln Streichorchester und Schlagzeuger

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Rafael Diesch, Moritz Schneider-Strittmatter, David Alber und Leonard Koßmann (von links) teilen sich zu viert ein Marimbaphon.
Rafael Diesch, Moritz Schneider-Strittmatter, David Alber und Leonard Koßmann (von links) teilen sich zu viert ein Marimbaphon. (Foto: Fotos (2): Hör)
Kornelia Hörburger

Eine Sternstunde der Musikschulkonzerte haben die Besucher am Freitag in der IKG-Aula erlebt: Streichorchester und -ensembles der Schule haben den imposanten Rahmen geschaffen für Michael Langs nicht weniger beeindruckende Vorzeige-Schlagzeugschüler. Der Wermutstropfen an diesem Abend: Es war Langs Abschiedskonzert nach 47 Jahren als Lehrer an der Musikschule Tuttlingen.

„Du hast zeitlebens immer Pädagoge sein wollen, obwohl Dir selbst die Türen beim SWR-Orchester offenstanden“, sagte Musikschulleiter Alfons Schwab beim Abschied zu seinem langjährigen Kollegen. Vielseitig aufgestellt (mit Komposition, Dirigieren, Trompete und Schlagzeug als Studienfächer) sei Lang heute als Methodik-Dozent an der Musikhochschule Trossingen im Duo mit seinem Bruder, dem dortigen Schlagzeug-Professor Franz Lang, eine feste Größe für die Schlagzeuger-Ausbildung in Deutschland. Zahlreiche Orchestermusiker und Musiklehrer seien bereits aus Langs Klasse hervorgegangen, und auch einige seiner derzeitigen Schüler hätten den Berufswunsch „Schlagzeuger“. Schwab betonte: „Dein spielerischer Umgang vermittelt den Schülern, dass Musizieren auf höchstem Niveau immer noch Spaß macht.“ Im Ruhestand will Lang vermehrt komponieren, schreiben, lesen – und selber üben.

Der Abend trug ganz Michael Langs Handschrift: Seine Entdeckungen im Werk größtenteils unbekannter, aber zu ihren Lebzeiten durchaus angesehener Komponisten aus dem 19. Jahrhundert entpuppten sich als mitreißende Programmbeiträge – dabei existieren von einigen Stücken nicht einmal Aufnahmen. Lang hatte einige Informationen zu den „vergessenen Komponisten“ zusammengetragen. Er war aber am Konzertabend so heiser, dass Lorena Schmidt an seiner Stelle durch den Abend führen musste.

Charles Alkan aus Paris war einer dieser „Vergessenen“: Wunderkind, ein Freund Chopins, ein Klaviervirtuose seiner Zeit – aber ein Misanthrop, der sich jahrelang zurückzog um Bibel und Talmud zu studieren. Eines von Alkans Klavier-Préludes hat Lang für größeres Gerät arrangiert: Auf zwei Vibraphonen und einer Marimba begeisterten seine derzeitigen Star-Schüler Rafael Diesch, Leonard Koßmann und Moritz Schneider-Strittmatter mit Alkans Stück. Außerdem war da noch der Däne Ludvig Schytte, ein Komponist zahlreicher „Salonstücke“ und Literatur für Kinder. Nach seinem Studium bei Liszt in Weimar wurde er musikalisch von seiner Zeit in Wien geprägt. Schyttes fröhliche „Kindersymphonie für Pianoforte zu vier Händen“ ließ die vorweihnachtliche Atmosphäre eines gutbürgerlichen Wohnzimmers im 19. Jahrhundert lebendig werden. Andrea Bensch leitete dabei das Kinderkammerorchester, während sich die Klaviersolistinnen paarweise in fliegendem Wechsel am Flügel ablösten.

Langs weit fortgeschrittene Schüler führten an Marimba und Vibraphon die melodische Seite der Percussion-Ausbildung vor: Sie beeindruckten mit anspruchsvollsten Standard-Werken für Schlagzeuger wie „Ghanaja“ oder Sammuts „Libertango“. Doch sie zeigten auch die humorvolle Seite ihres Fachs: Zu viert teilten sie sich eine Marimba bei „Millenium Bug“ , und bei der „Drummers‘ Parade“ ersetzten die fünf Mitwirkenden gar eine Cheerleader-Formation durch eigene Choreographien mit den Sticks.

Besonders erwähnt sei aber „Odysseus in Troja“. Mit dieser passgenau auf seinen Schüler Rafael Diesch für „Jugend musiziert“ zugeschnittenen Komposition erhielt Diesch dieses Jahr nicht nur einen ersten Preis auf Bundesebene – er wurde sogar für einen Auftritt beim Preisträgerkonzert ausgewählt. Wer ihn das Stück spielen hört, wundert sich nicht darüber. Vier Pauken erzählen die Schlacht um Troja: dumpf marschieren die gegnerischen Streitkräfte auf, kommen näher, formieren sich zur Konfrontation.

Ein letztes Mal klirren ihre Rüstungen metallisch, dann tobt wild der „Schlag-Abtausch“. Am Ende er-klingt wehmütig die Totenklage. Ein großer Wurf des Komponisten, grandios interpretiert von seinem Schützling.

Während das Konzert von den Jüngsten, den „Mini Strings“ und den „Streicherle“ unter Monika Ascher charmant und präzise musizierend eröffnet wurde, bestritten fast 70 Musiker des Kooperations-Sinfonieorchesters unter der Leitung von Friederike Weber das fulminante Finale aus der Feder von Joachim Raff, eines weiteren „Vergessenen“ und mit hymnischer Filmmusik aus „Superman returns“. Ohne Zugabe durften die Musiker nicht von der Bühne.

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