Unternehmen sollen Gemeinwohl-Bilanz ausweisen

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Schwäbische Zeitung

Wie kann wirtschaftlicher Fortschritt in Einklang mit sozialer Gerechtigkeit und ökologischer Nachhaltigkeit gebracht werden? Damit hat sich am vergangenen Samstag ein Bürgerdialog im Alten Krematorium auseinandergesetzt.

Dazu eingeladen hatte die Gemeinwohl-Ökonomie (GWÖ) Regionalgruppe Schwarzwald-Baar-Heuberg. Landrat Stefan Bär, Frank Breinlinger von Breinlinger Ingenieure als Vertreter der Wirtschaft und Ursula Graf, Schulleiterin der Fritz-Erler-Schule, wurde als Vertreterin der Zivilgesellschaft auf das Podium gebeten. Das Fazit: Es gibt eine grundsätzliche Zustimmung für die Gemeinwohl-Ökonomie, doch es gibt auch noch offene Fragen.

Die GWÖ fordert, dass nicht nur Gewinn und Rendite als Unternehmenserfolg gemessen werden, sondern, dass auch die Effekte des wirtschaftlichen Handelns auf Mensch und Umwelt in Betracht gezogen werden. Dazu gehören etwa Gerechtigkeit in der Zulieferkette, ethischer Umgang mit Geld oder die Reduktion von ökologischen Auswirkungen. Dies sind jedoch nur drei von 20 Kriterien anhand derer man die Leistung von Unternehmen oder politische Entscheidungen bewerten könnte.

Das ist zumindest die Vision der Vertreter der Gemeinwohl-Ökonomie. Sie fordern, dass sich Unternehmen und Politik bei der Entscheidungsfindung an Ökologie, Transparenz, Solidarität und Menschenwürde orientieren.

Der Vorschlag: Unternehmen könnten neben einer Geschäftsbilanz eine Gemeinwohlbilanz veröffentlichen, in der das Geschäftsjahr auf Grundlage der Kriterien bewertet wird. Maximal können 1000 Gemeinwohl-Punkte erreicht werden, die schlechteste Bewertung liegt bei minus 3600 Punkten. Wer gerade die gesetzlichen Vorgaben erfüllt, liegt bei null Punkten. „Die besten Unternehmen erreichen zwischen 700 und 800 Punkten“, erklärt Jens Metzger, von der GWÖ Regionalgruppe Schwarzwald-Baar-Heuberg. In Zukunft könnte die Gemeinwohlbilanz dann auch zur Berechnung der Steuerschuld herangezogen werden. Das Prinzip: Unternehmen, die mehr Punkte erreichen, zahlen weniger Steuern.

Zustimmung für Idee der Gemeinwohlbilanz

Diese Idee stellte die Gruppe am Samstag in Tuttlingen vor. „Wir waren sehr zufrieden. An die 50 Menschen aus Tuttlingen und Umgebung sind gekommen, und wir haben durchweg positives Feedback erhalten – auch zum Veranstaltungsformat“, sagt Metzger im Rückblick. Ein Ergebnis der Podiumsdiskussion: „Es ist schon klar geworden, dass es da noch Detailfragen zu klären gibt“, so Metzger. „Aber deswegen machen wir das Ganze ja auch“.

Doch die Regionalgruppe nehme aus der Veranstaltung noch weitere Ergebnisse mit: „Mit Hilfe des Systemischen Konsensierens – bei dem nicht Zustimmung sondern der Widerstand gemessen wird – haben wir den Anwesenden die Möglichkeit gegeben zu insgesamt drei Fragen Stellung zu beziehen. Dabei bekamen die Vorschläge der GWÖ erfreulicherweise den niedrigsten Widerstand.“

Konkret bedeutet das, dass sich die anwesenden Bürger für eine verpflichtende Gemeinwohl-Bilanzierung aller Unternehmen, für die Einführung der Gemeinwohl-Bilanz als gleichwertiges Auswahlkriterium neben dem Preis bei öffentlichen Aufträgen und für die Ausrichtung der Steuern, die ein Unternehmen zahlen muss, nicht nur an der Finanzbilanz, sondern auch am Ergebnis der Gemeinwohlbilanz, ausgesprochen haben. „Es ist uns natürlich klar, dass diese Ergebnisse bei 50 Anwesenden nicht repräsentativ sind, aber es bestärkt uns in unserem Ansatz. Und wir würden uns freuen, wenn wir mittelfristig zusammen mit der Stadt Tuttlingen einen lokalen Wirtschaftskonvent organisieren könnten, bei dem gewährleistet ist, dass die Repräsentativität gegeben ist.“ so Metzger.

Gruppe will weitere Unternehmer überzeugen

Doch die GWÖ-Regionalgruppe sucht auch den Kontakt zu Unternehmen vor Ort, die sich bereits jetzt freiwillig bilanzieren lassen wollen. Denn die Gruppe ist sich sicher: „Wer sich als Unternehmer ernsthaft mit den Ideen der GWÖ beschäftigt, wird den Mehrwert für sein Unternehmen und die Gesellschaft erkennen.“

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