Und plötzlich hört man die Bomben in Syrien fallen

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Redaktionsleiter

Neue Wege, um die Erinnerungskultur an die Gräueltaten der Nationalsozialisten in Tuttlingen aufrecht zu erhalten, ist von Donnerstag bis Sonntag eine Delegation bestehend aus Tuttlinger Verwaltung und Gemeinderat gegangen. Nach der Errichtung des Gedenkpfads zum Lager Mühlau und der Verlegung von Stolpersteinen des Kölner Künstlers Gunter Demnig stand eine Reise nach Israel an. Eingeladen hatte der 88-jährige Amos Fröhlich, dessen Vater, der ehemalige Tuttlinger Viehhändler Julius Fröhlich, vor 80 Jahren das Dorf Shavei Zion im Norden Israels mitbegründet hat.

Zwei zusätzliche Bäume stehen seit Freitag in Shavei Zion, das nur etwas mehr als zehn Kilometer von der israelisch-libanesischen Grenze am östlichen Mittelmeerufer liegt. Gepflanzt wurden sie von Tuttlingens Oberbürgermeister Michael Beck, bereitgestellt vom 1200-Seelen-Dorf. Das soll auch ein Zeichen sein: Hier wächst etwas, vielleicht auch zusammen. „Schülerbegegnungen und Begegnungen jeder Art wollen wir fördern“, sagt Beck nach der Begrüßung durch Bürgermeister Yuval Simchony, zu der etliche Bewohner des Dorfes kommen. Viele von ihnen sprechen blitzsauberes Deutsch.

Zwei kleine Pflänzchen, die zu großen Bäumen werden können. In etwa so, wie bei den Rexinger Juden, die am 13. April 1938 das Dorf gegründet haben und an diesem Tag an die Gründung des Ortes mit einer rund 90-minütigen Feier am Strand daran gedenken. Rexingen, ein Ortsteil von Horb am Neckar, war damals das religiöse Zentrum auch für die Tuttlinger Juden.

Als sie an dem Fleckchen Erde, das Shavei Zion werden sollte, ankamen, da gab es nur eins: Sand, Sand und wieder Sand. Von Vegetation, so ist auf alten Fotos zu sehen, weit und breit keine Spur. Heute steht hier alles in sattem Grün. „Die Baracken mussten innerhalb eines Tages aufgebaut werden. Das galt auch für den Wachturm und die Mauer“, erinnert Amos Fröhlich. Sein Vater war mit zwei weiteren Rexinger Juden vorab nach Palästina gereist, um die Gründung des Dorfes vorzubereiten. Denn ihnen war klar: In Nazi-Deutschland gibt es keine Zukunft.

Wand der Erinnerung

Trotz der Planung schafften es nicht alle Juden aus Deutschland: „Viele haben gar nicht mit dem Holocaust gerechnet. Deutschland war für sie eine Kulturnation, in der das nicht möglich sein würde“, erinnert Reisebegleiter Elias Kronstein beim Besuch der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem am Tag zuvor.

Im Begegnungszentrum in Shavei Zion erinnert eine Wand mit Namen an die Rexinger Juden, die von den Nationalsozialisten umgebracht worden sind – und das war die übergroße Mehrheit: „30 sind hierher gekommen, 110 bis 115 sind umgekommen“, berichtet Amos Fröhlich. „Es war schrecklich und wurde von Tag zu Tag schlimmer. Niemand wollte glauben, was da kommt. Als sie erkannt hatten, dass es keine Chance mehr für ein jüdischen Leben in Deutschland gab, war es zu spät“, sagt Amos Fröhlich. Das sei hart gewesen, denn so ist der 88-Jährige, der für seine Bemühungen um die Aussöhnung von Juden und Deutschen im Oktober 2015 in Tuttlingen das Bundesverdienstkreuz erhalten hat, überzeugt, „hat es wohl keine besseren Deutschen gegeben als die deutschen Juden“. Sie hätten sich als Deutsche gefühlt, zwei Jahrzehnte zuvor im Ersten Weltkrieg auf deutscher Seite gekämpft.

Bereits in den 1880er-Jahren wären Juden nach Palästina ausgewandert, das nach dem Ende des Ersten Weltkriegs auf der Konferenz von San Remo im Jahr 1920 britisches Mandatsgebiet wurde. 400 Jahre lang gehörte der Landstrich zuvor zum Osmanischen Reich, das im Ersten Weltkrieg mit dem Deutschen Reich verbündet war. 1948 gründeten hier die Juden den Staat Israel.

„Die Zukunft Israels wird im Bett entschieden“, sagt Amos Fröhlich. Untersuchungen zeigen, dass die Juden aufgrund der Geburtenentwicklung in wenigen Jahrzehnten in Israel in der Minderheit sein werden. 2014 waren noch 75 Prozent der Einwohner Juden, nur 20 Prozent Araber.

Aufgrund der Geschichte ist es kein wirkliches Wunder, dass auch die Araber ihren Anspruch auf das Land erheben. „170 000 Raketen sind im Libanon an der Grenze aufgestellt. Die erreichen jeden Punkt in Israel“, sagt Amos Fröhlich. Ob das stimmt, ist indes nicht nachweisbar. Die Juden würden unter ständiger Bedrohung leben: „Wenn sie nicht wüssten, dass wir stark sind, würden sie angreifen“, betont Amos Fröhlich.

Völkerrechtlich Syrien

So wie im Jahr 1967. Im Sechs-Tage-Krieg rückten in der Ebene, zu Fuße der Golan Höhen, Panzer von Syrien aus in Richtung Israel vor. Doch trotz der Überzahl schaffte es der noch junge Staat, den Angriff aufzuhalten und die Golan Höhen im Nordosten zu annektieren. Völkerrechtlich gehört der Landstrich weiterhin zu Syrien. Auf den Bergen sind israelische Vorposten zu sehen. Die Soldaten sind schwer bewaffnet.

Das schaut sich die Tuttlinger Delegation am Samstag an – während der Besichtigung der Golan Höhen sind Bomben-Einschläge zu hören. Syrien ist nur rund zwei Kilometer entfernt. In der Nacht zuvor bombardierten Amerikaner, Briten und Franzosen mutmaßliche syrische Giftgas-Anlagen. Bei den 20 Teilnehmern der Reise macht sich ein mulmiges Gefühl breit. Auf einmal ist der syrische Bürgerkrieg keine Schlagzeile mehr, sondern hautnah spürbar.

Am Samstagnachmittag steht noch eine Begegnung der besonderen Art an. Der ehemalige Tuttlinger Benjamin Bienstock lädt in den Kibbuz „Sha’ar HaAmakim“ bei Haifa ein, wo er seit dem Ende der 1970er-Jahre mit seiner Frau lebt. Für Stadtrat Rainer Buggle ein Wiedersehen nach 45 Jahren, sind beide doch gemeinsam zur Schule gegangen. „Er war einer der besten Nachwuchshandballer der Region“, erinnert sich Buggle. So habe Bienstock in der B-Jugend mit der TG Tuttlingen die baden-württembergische Meisterschaft gewonnen. Anschließend wechselte er zum TSV Rietheim.

Für den Besuch hat Bienstock alte Fotos und seine Heiratsurkunde mit dem Stempel der Stadt Tuttlingen aufgehängt. „Das bin ich“, sagt Buggle und zeigt auf ein Foto, das die Teilnehmer eines Tanzkurses zeigt. Auch das sind Dinge, die bei der Reise in Erinnerung kommen.

Auch wenn Tuttlingen weit weg ist, so ist Bienstock doch immer mal wieder auf der Internetseite des Gränzboten unterwegs, um zu schauen, was in der alten Heimat so los ist. „Nach dem Abitur am IKG bin ich auf Reise gegangen und nach Shavei Zion gekommen. Als ich meinem Vater sagte, dass ich nach Israel gehen will, hat er mich finanziell unterstützt“, berichtet Bienstock, der in seiner Jugend auf dem Schildrain, in der Siedlerstraße und in der Beethovenstraße gewohnt hat. Die Grüße einer alten Nachbarin überbringt Gunda Woll, Museumsleiterin der Stadt Tuttlingen.

Der Kibbuz war Ende der 1970er-Jahre noch Deutschen gegenüber abgeneigt. „Ich habe es trotzdem geschafft, reinzukommen“, berichtet Bienstock. Die Ausrichtung war einmal kommunistisch: „Als Josef Stalin 1953 gestorben ist, haben die Bewohner geweint“, sagt er. Jetzt ist der Kibbuz wie alle anderen auch in Israel privatisiert. Er verfügt über ein Altenheim und eine Krankenstation mit eigenem Krankenwagen.

Zwei Staatsangehörigkeiten habe er, berichtet Bienstock. Doch die deutsche sei nach 20 Jahren im Ausland abgelaufen, er habe sie nicht verlängern lassen. „Dann dürfen Sie nicht mehr wählen“ – „Darüber komme ich gut hinweg“, lautet der folgende Dialog zwischen Beck und ihm.

Und dann ist auch schon wieder Aufbruch, die Reise muss weitergehen. Der Abend soll in Tel Aviv, dem wirtschaftlichen Zentrum des Landes, ausklingen. Die Fahrt dauert rund 90 Minuten. Doch zuvor hält Elias Kronstein noch etwas parat: „Die Wirklichkeit übertrifft jede Fantasie“, sagt er zum Abschied. Spätestens zu diesem Zeitpunkt ist das allen Teilnehmern der Delegation aus Tuttlingen bewusst.

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