Tuttlinger Wahrzeichen feiert 550. Geburtstag

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Simon Schneider

Sie ist das Wahrzeichen Tuttlingens und hat einen festen Platz in der Stadtgeschichte – die Festung Honberg. Still und heimlich feiert die Festung in diesem Jahr ihr 550. Bestehen. Wegen der Coronakrise fällt der zum Geburtstag geplante Mittelaltermarkt aus.

Die heutige Ruine Honberg ist nicht zu übersehen – zumindest nicht, wenn man aus Richtung Spaichingen oder Villingen-Schwenningen nach Tuttlingen fährt. Selbst nachts strahlt die Ruine und ist aus dem Tuttlinger Stadtbild nicht mehr wegzudenken.

Um auf die Anfänge und den originalen Bau der einstigen Festung zurückzublicken, muss man tief in die Geschichte eintauchen und zwar bis ins 15. Jahrhundert. Denn: Um 1470 erbaute Graf Eberhard im Bart die Burg Honberg, die als Sitz württembergischer Landvögte diente. Zur damaligen mittelalterlichen Zeit sahen die Menschen den Bau als moderne Festung auf württembergischem Territorium an, der die südliche Grenze Württembergs sowie den Donauübergang sichern sollte.

Was die Tuttlinger nur aus den rekonstruierten Bildern kennen, ist das einstige Schloss mit einem Satteldach und Zinnengiebeln. Schließlich war 1645 Konrad Widerhold, der Kommandant der württembergischen Festung Hohentwiel, für die Zerstörung der Burg verantwortlich und verwandelte sie in einen Trümmerhaufen. Die Ruine wurde von dort an als Steinbruch genutzt – beispielsweise für den Bau des Hüttenwerks Ludwigstal. Steine der Gipfelburg verwendeten die Menschen auch 1803 nach dem großen Stadtbrand, der Tuttlingen fast völlig zerstört hatte, für den Wiederaufbau. Das führte dazu, dass die Mauern immer stärker abgetragen wurden.

Anders als vielleicht vermutet, zerstörte Widerhold auch die Ecktürme. Erst der Verschönerungsverein, der Vorläufer des heutigen Heimat-Forums, setzte sich dafür ein, dass die Ruine wieder zugänglich wurde und baute schließlich 1883 den südwestlichen Eckturm der Festungsruine auf die Grundmauern wieder auf. Bei diesem Zinnenturm handelt es sich allerdings um keinen historisch korrekten Nachbau. Der Aufbau des Haubenturms folgte mit einem Obergeschoss aus Holzfachwerk 1893 und komplettiert somit das bis heute existierende Erscheinungsbild der Ruine Honberg.

Übrigens: Im Haubenturm soll der Sage nach das „Kischtämännle“, die Hauptfigur des im Jahr 1975 gegründeten Narrenvereins Honberger, fast das ganze Jahr schlafen. Es wird jedes Jahr pünktlich am 6. Januar mit zahlreichen schaulustigen Narren geweckt, damit es die Fasnetsaison nicht verschläft.

Altstadtrat Herbert Tiny sorgt dafür, dass die Geschichte der Burg Honberg nicht in Vergessenheit gerät. Seit 2014 erläutert er im Namen der Stadt Einheimischen und Touristen das Wahrzeichen Tuttlingens und führt sie bis auf den rund 20 Meter hohen Zinnenturm, um eine besondere Aussicht auf Tuttlingen herab zu genießen. „Es sind vor allem die Begegnungen mit den Menschen, die hier oben den Honberg zu etwas Einmaligem werden lassen“, findet Herbert Tiny, der zahlreiche passende Anekdoten für Groß und Klein in Bezug auf die Ruine parat hält. Jüngst registriert er vermehrt Leute aus dem Landkreis, die die Burg besichtigen wollen. Aber auch viele Touristen und Neubürger der Stadt würden nahezu täglich den Weg bis zur ehemaligen Festung finden.

Am meisten Menschen kommen während des Musikfestivals Honberg-Sommer. Das Festival findet seit 1995 jedes Jahr im Juli für zwei Wochen innerhalb der Mauern der Ruine statt. Tausende Besucher, ein großer Biergarten und das Festivalzelt – für all das ist genug Platz auf dem Berg. „Die Festung ist wahnsinnig großzügig angelegt. Über 2000 Personen, wie Soldaten, haben hier in Zelten geschlafen und dazu noch hunderte Pferde. So viel Freifläche gibt es sonst nirgendwo“, ist sich Herbert Tiny sicher und bezeichnet diesen Umstand als etwas Besonderes. Dies komme in der heutigen Zeit dem Musikfestival oder auch anderen Events auf dem Berg zugute.

Tiny dürfte die Festungsruine mitten in Tuttlingen so oft besucht haben wie kein anderer. Dieser Umstand ist nicht nur den Führungen geschuldet, sondern auch unzähligen Restaurierungsarbeiten. Denn an vielen Stellen bröckelt es an der Ruine. „Es gibt hier oben immer viel zu tun“, weiß Tiny. Zudem befindet sich im Haubenturm jede Menge modernster Technik für eine ausreichende Netzabdeckung für den Mobilfunk.

Rund 550 Jahre existiert die Festung Honberg und das, was davon als Ruine noch übriggeblieben ist. Für Tuttlingen ein Grund zu feiern. Ein großer Mittelaltermarkt innerhalb der Mauern sollte in diesem Jahr stattfinden. Allerdings vermiest das Coronavirus die Feierlichkeiten. Laut Benjamin Hirsch, Referent des Oberbürgermeisters, soll der Mittelaltermarkt auf das kommende Jahr verschoben werden – auch dann können die Tuttlinger den 550. Geburtstag der Festung Honberg noch feiern, denn schließlich dokumentieren die Geschichtsbücher nicht das genaue Jahr der Grundsteinlegung des Tuttlinger Wahrzeichens.

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