Moderator Artem Zolotarov überreicht Miss Allie die Tuttlinger Krähe 2019.
Moderator Artem Zolotarov überreicht Miss Allie die Tuttlinger Krähe 2019. (Foto: Claudia Steckeler)
Claudia Steckeler

Erwartungsvolle Spannung ist zu spüren als der Krähe-Preisträger 2018 und Poetry-Slammer Artem Zolotarov am Sonntagabend die Bühne in der voll besetzen Angerhalle in Tuttlingen-Möhringen betritt: Wohin wird in diesem Jahr wohl die Tuttlinger Krähe flattern? Am Ende ist es Miss Allie aus Lüneburg, die den Wettbewerb für sich entschieden hat. Kabarettistin Andrea Volk nahm strahlend die Urkunden für den zweiten Platz und die des Publikumspreises entgegen. Und der junge Klavierkabarettist Pascal Franke freut sich über den Sonderpreis.

Zolotarov nahm die Besucher zunächst einmal wortgewaltig mit nach New York in die Sky Room Bar zwischen Himmel und Hölle. Dort wo mundgerechte Nachrichten der brutalen Bankenwelt auf offene, globale Wunden und eine göttliche Gestalt treffen. Dort wo „die Kinder seines Zorns“ hoffen, dass der Göttliche sie retten kann. Texte, die ein Zurücklehnen nicht zulassen, die aufrütteln. Am Ende überlässt Zolotarov die Zuschauer der ganz persönlichen Angst, die einen jeden von uns in ihren Krallen hält, ein ängstliches Schweigen auslöst. Das war aber nicht sein Lohn, sondern begeisterter Applaus angesichts der stark vorgetragenen lyrischen Wortspiele.

Nur scheinbar ein „netter Junge“

Danach ging es sprichwörtlich „Schlag auf Schlag“. Mit dem jungen Klavierkabarettisten Pascal Franke betrat der erste der Finalisten die Bühne. Der scheinbar nette Junge von nebenan mit Hosenträgern, Hornbrille und kariertem Hemd hatte es faustdick hinter den Ohren. Seine mit einer fantastischen Stimme, begleitet von dynamischem Klavierspiel vorgetragenen, pfiffigen Texte, offenbarten bissigen, hintergründigen, schwarzen Humor. Humor, der so manchen Besucher den Atem anhalten ließ, bevor er sich dann doch für ein Lachen entschied. Egal ob Pascal Frank in römischen Palästen Brutus Samba tanzend zum Mörder Cäsars werden ließ, scharfzüngig in die österliche Liturgie entführte, seiner neuen Freundin mit Nussallergie die Hilfe verwehrte oder mit seinem Schlaflied bei den Angerhalle-Gästen wahre Albträume auslöste. Franks Zynismus ist tief- und hintergründig. In seinen Texten versteckte er Botschaften, die zum Denken und Nachdenken anregten.

„Die Jeanne d’Arc der globalen Bürowelt“ wie Zolotarov Andrea Volk nannte, kreierte augenzwinkernd und wortgewandt den alltäglichen Bürokosmos, den wir alle kennen. Sie sezierte den Wahnsinn zwischen Meeting und Survival-Programm und präsentierte auf sympathische, kumpelhafte Art das Überleben eines jeden einzelnen im Büro. Mit ihrer „Ruhrpottschnauze“ schleuderte sie die Pointen nur so heraus und traf damit gezielt da, wo sie manchmal auch wehtun können – sehr zur Freude des Publikums. Egal ob sie sich mit der Wanderwanze „Alexa“ befasste, Team Building Maßnahmen unter die humoristische Lupe nahm oder zig Formulare für einen simplen Faxumzug ausfüllte, das Publikum feierte sie begeistert. Volk servierte, untermauert mit selbstironischen Kommentaren, einen Mix aus herzerfrischender Comedy, bissigem Kabarett und unterhaltsamen Geschichten.

Miss Allie überrumpelt

Und dann kam Miss Allie, die regelmäßig Unterschätzte. Die zierliche, Person, die Harmlose. Die mit meist sanfter Stimme und scheinbar lieblichem Wesen, mit ihren an der Gitarre hervorragend begleiteten, eindrucksvoll gesungenen Psychothrillern überraschte und überrumpelte. Die hintergründigen, textlichen Schläge in die Magengrube präsentierte sie mit großer Kunst, mit Herz, Verstand und viel Humor – wer sie unterschätze hatte gleich verloren. Sie überzeugte restlos. Zum Beispiel mit dem an die AfD gerichteten Song „Petri Heil“, der sie gern sagen möchte, dass diese ihr den „Tag versaut“. Köstlich auch „Dein Lied“ auf den durchtrainierten, oberkörperfreien Gärtner, mit dem sie alle aufforderte: „lasst uns gemeinsam oberflächlich sein“. Ihre humorvollen, frechen, ausdrucksstark vorgetragenen Lieder überzeugten nicht nur die Jury der Tuttlinger Krähe 2019, die sie zur Gewinnerin kürte, sondern auch das Publikum.

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