Tuttlingen liebäugelt mit der Gemeinwohl-Ökonomie

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 Der Stand von Outdoor-Hersteller Vaude auf der Messe Friedrichshafen. Vaude hat bereits eine Bilanz gemäß der Gemeinwohl-Ökonom
Der Stand von Outdoor-Hersteller Vaude auf der Messe Friedrichshafen. Vaude hat bereits eine Bilanz gemäß der Gemeinwohl-Ökonomie erstellt. (Foto: Felix Kästle/archiv)

Ein Wirtschaftssystem, das nicht nur auf Geld, sondern auch auf dem Wert für die Gemeinschaft beruht – das steckt hinter dem Begriff Gemeinwohl-Ökonomie. Am Montag legte der Tuttlinger Gemeinderat dafür eine akademische halbe Stunde ein – ohne jedoch bisher zu wissen, was die Stadt eigentlich damit anfangen will.

Die LBU-Fraktion war es, auf deren Antrag hin der Punkt auf die Tagesordnung kam. Tuttlingen sei bereits Fairtrade-Stadt und Mitglied im Klimabündnis europäischer Städte. Da wäre es an der Zeit zu überlegen, was man noch mehr tun könnte. „Eine gemeinwohlökologische Bilanz würde nicht nur wirtschaftliche Faktoren, sondern den Menschen, also die Bürgerschaft und Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, in den Mittelpunkt stellen und wertschätzenden Umgang, kooperatives, solidarisches, ökologisches und demokratisches Verhalten mit einbeziehen“, so die Argumentation der LBU.

Gesellschaftlicher Wandel

Zunächst einmal steckt hinter der Gemeinwohl-Ökonomie die Idee für einen gesamtgesellschaftlichen Wandel. Ein alternatives Wirtschaftssystem, das auf Ideen aus den 1990er-Jahren zurückgeht. In Buchform niedergeschrieben hat es der Österreicher Christian Felber 2010, der Attac Österreich mitbegründete.

Was dahinter steckt: „Die Finanzbilanz soll nicht mehr der einzige Gradmesser für den Wert eines Unternehmens sein“, führte Gustav Mattheis in der Gemeinderatssitzung aus. Mattheis ist einer von sieben jungen Menschen, die der Regionalgruppe Gemeinwohl-Ökonomie angehören. Sie setzen sich in der Region Schwarzwald-Baar-Heuberg dafür ein, die Idee weiter zu verbreiten und umzusetzen.

Demnach sollen 20 Faktoren abseits von Geld etwas über die Wirtschaftskraft eines Unternehmens aussagen. Etwa die Zulieferkette: Wird die Menschenwürde geachtet? Ist sie ökologisch nachhaltig? Wird sie transparent offengelegt? Oder die Frage, wie das Unternehmen mit seinen Mitarbeitern umgeht: Wie sind die Arbeitsverträge gestaltet, dürfen die Mitarbeiter mitentscheiden? Und dann gesamtgesellschaftlich: Was trägt das Unternehmen zum Gemeinwesen bei?

In einer Matrix können Unternehmen so bewertet werden und – das ist noch eine Zukunftsidee – je nach Punktzahl ein Siegel in diversen Farben erhalten. Ein bisschen wie der Energieausweis für Kühlschränke.

Vaude und Bioland sind dabei

Einzelne Firmen haben sich bereits nach den Gemeinwohl-Kriterien untersuchen lassen. Bekannteste Beispiele: der Outdoor-Hersteller Vaude aus Tettnang und der Lebensmittelerzeuger-Verband Bioland. In der Masse durchgeschlagen ist die Idee allerdings noch nicht. 500 Unternehmen weltweit ließen sich nach den Gemeinwohl-Kriterien bilanzieren, sagte Mattheis. Immerhin: Einzelne städtische Unternehmen der Stadt Stuttgart stehen auf dieser Liste.

Und daran könnte doch auch Tuttlingen ansetzen, regte die LBU mit ihrem Antrag an. Konkrete Ideen gebe es dazu aber noch nicht, gab sich Oberbürgermeister Michael Beck in der Sitzung eher zurückhaltend. Es fehle noch ein pragmatischer Ansatz. Von der Landesregierung gebe es auch noch keine Impulse, auch wenn laut Mattheis im Koalitionsvertrag ein „Pilotprojekt Gemeinwohl-Bilanz“ angekündigt ist. „Lassen Sie uns drüber nachdenken, was man machen kann“, sagte Beck. Den Technischen Leiter des Eigenbetriebs Stadtentwässerung, Frank Bienert, hatte er schon mal zur Sitzung bestellt.

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