Tuttlingen kreist als Kleinplanet durchs All

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Mark Hänsgen

Rainer Kling jagt aus Leidenschaft. Doch nicht mit einem Gewehr, und auch keine Tiere. Per Teleskop visiert der gebürtige Tuttlinger Gesteinsbrocken an. Der Hobby-Astronom geht an der Taunus-Sternwarte auf die Suche nach Asteroiden. Minutiös beobachtet er den Himmel – extrem erfolgreich: Er und seine Kollegen haben seit 2006 bereits etliche Kleinplaneten entdeckt. Viele tragen schon einen Namen, einer davon heißt Tuttlingen.

Tuttlingen wird im Hauptgürtel die Erde überdauern

Auch wenn sich die Sonne in ein paar Milliarden Jahren aufbläht und so die Erde verglüht, wird Tuttlingen wohl weiter bestehen. Zwar nicht mehr an der Donau, aber zwischen Mars und Jupiter. Denn dort kreist der Kleinplanet mit diesem Namen alle vier Jahre einmal um die Sonne. Zum Zeitpunkt der Entdeckung war er in einer Entfernung von 215 Millionen Kilometern im Sternbild Fische zu sehen. Sein Durchmesser beträgt einen Kilometer, sein Tempo 20 Kilometer pro Sekunde. Gefunden haben ihn Ute Zimmer und Rainer Kling am 30. August 2009, nach stundenlangen Messvorgängen.

„Ich bin fasziniert von dem, was dort oben los ist. Man sieht Galaxien, explodierende Sterne oder Gasnebel, also Sternleichen. Und es gibt noch so viel aufzuspüren“, schwärmt der selbstständige EDV-Techniker aus dem hessischen Schmitten. Der Kleinplanet Tuttlingen sei von der Erde aus gesehen ungefähr eine Million mal lichtschwächer als die Objekte, die der Mensch mit bloßem Auge gerade noch erkennen könne. Es sei vergleichbar mit einer Kerzenflamme, die man aus 2000 Kilometern Entfernung betrachte.

Daher ist es nur mithilfe moderner Geräte möglich, den Asteroiden sichtbar zu machen – so wie mit dem Cassegrain-Spiegelteleskop mit 60 Zentimetern Durchmesser, das am Taunus-Observatorium des Physikalischen Vereins Frankfurt steht. Auf dem Bildschirm ist aber dennoch nur eine pixeliger, weißer Lichtpunkt auf schwarzem Grund zu sehen. Ob er sich bewegt – und damit wirklich ein Asteroid ist – lässt sich nur anhand mehrerer Aufnahmen feststellen, die im Laufe von Tagen gemacht werden. Für beste Ergebnisse braucht es immer einen wolkenfreien Himmel.

Als der Komet Hale-Bopp 1996 Aufsehen erregte, befand sich die Hans-Ludwig-Neumann-Sternwarte auf dem Kleinen Feldberg im Taunus noch im Aufbau. Rainer Kling wirkte daran mit. „Ich fand durch diesen berühmten Kometen zur Astronomie, er war für mich die Inititalzündung“, erzählt der 62-Jährige, der das Himmelsphänomen damals an der Frankfurter Volkssternwarte verfolgte. An der 1998 eröffneten Neumann-Sternwarte gehörte er dann zu den Beobachtern der ersten Stunde – „für Amateure ein absolut einmaliges Erlebnis“, sagt er stolz.

Und stolz kann er auch auf das bisher Erreichte sein: Zusammen mit den drei Amateur-Astronomen Stefan Karger, Erwin Schwab und Ute Zimmer hat er 2006 damit begonnen, nach Kleinplaneten zu fahnden. Die Idee entstand nach der erfolgreichen Beobachtung der Totalen Sonnenfinsternis in der Türkei. Kling: „Die Euphorie der Stunde tat ihre Wirkung. Uns war klar, wenn wir nach Hause kommen werden wir die neue Kamera nutzen, um Kleinplaneten zu vermessen.“ Mit den vielen Funden habe seinerzeit niemand gerechnet. „Wir haben sogar gezweifelt, ob es uns überhaupt gelingen kann.“ Mittlerweile gehen 96 Neuentdeckungen von Kleinplaneten auf das Konto der findigen Vier, 24 tragen sogar schon einen Namen.

Der Namensvorschlag darf bei der Internationalen Astronomischen Union (IAU) laut Erwin Schwab erst eingereicht werden, wenn die Entdeckung von anderen Sternwarten bestätigt wurde und die Genauigkeit der Bahn bekannt ist. Beim Asteroiden Tuttlingen sei dies erst nach vier Jahren der Fall gewesen. „Mir war von Anfang an klar, dass ich einen nach Tuttlingen benenne. Das ist ein ungeschriebenes Gesetz“, erklärt Rainer Kling. Jeder Entdecker versuche, seinen Heimatort an den Himmel zu hängen.

Mit ihren Ergebnissen bei der Entdeckung von Kleinplaneten zählt die Taunus-Sternwarte zu den fünf erfolgreichsten deutschen Observatorien. Für die Arbeit „Astronomie von Objekten unsereres Planetensystems und die Entdeckung von Asteroiden“ erhielten die Planetenjäger 2009 den Sömmering-Preis des Physikalischen Vereins Frankfurt.

Ausführliche Informationen zur Arbeit der Hobby-Astronomen finden sich unter

www.erwinschwab.de

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