Stolpersteine erinnern an Opfer von NS-Diktatur

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 Künstler Gunter Demnig beim Verlegen der Stolpersteine für die Jenischen Josef und Franz Berger.
Künstler Gunter Demnig beim Verlegen der Stolpersteine für die Jenischen Josef und Franz Berger. (Foto: Fotos: Simon Schneider)
Simon Schneider

Als „Zigeuner“ sind sie im Nationalsozialismus beschimpft, verfolgt und ausgegrenzt worden – die Jenischen. Diese Volksgruppe ist auch heute in der Bevölkerung noch nicht wirklich anerkannt. Die Stadt Tuttlingen hat am Samstag mit der Verlegung der Stolpersteine an zwei Jenische erinnert, die in der Donaustadt einst ihr Zuhause hatten – genauso erinnerten sie mit weiteren Stolpersteinen an drei Euthanasieopfer und eine Jüdin und deren Ehemann.

Die Jenischen galten als handwerklich geschickt und friedfertig. Noch heute sprechen ihre Angehörigen zum Teil ihre eigene Sprache ohne einen erkennbaren verwurzelten regionalen Dialekt und sind in ganz Mittel- und Westeuropa verstreut. In Deutschland leben nach alten Schätzungen mehrere Tausend – aber umso mehr stammen von ihnen ab. Josef Berger und sein Sohn Franz sind zwei davon. Beide wurden 1940 ermordet.

An ihrer ehemaligen Heimatadresse trafen sich am Samstagmorgen mehr als 70 Interessierte zur Stolpersteinverlegung. Diese Aufgabe übernahm der Künstler Gunter Demnig mit Unterstützung mehrerer Bauhofmitarbeiter. Während Demnig alte Pflastersteine am Galeriehof entfernte und die beiden glänzenden Stolpersteine aus Messing für Josef und Franz Berger in den Boden setzte, betonte Tuttlingens Oberbürgermeister Michael Beck, dass die Verlegung „etwas ganz besonderes ist“ und sie bereits zum vierten Mal in Tuttlingen erfolge.

27 solcher Steine seien bereits verlegt worden, die ersten 2016. Sieben weitere kamen am Samstag hinzu. Auf den Steinen sind neben den Namen der Opfer auch die Eckdaten der jeweiligen Biografie enthalten. Die ausführlichen Lebensläufe der Menschen, an die Tuttlingen gedenkt, sind auf der stadteigenen Webseite nachzulesen.

Es sei wichtig, „dass wir unsere Erinnerungskultur weiter pflegen“, findet Beck und fügte hinzu: „Mit jeder Stolpersteinverlegung wird deutlich, wie viele Opfer das verbrecherische Regime der Nationalsozialisten gefordert hat“. Es werde auch gezeigt, wie nah Opfer und Täter beisammen gelebt hätten.

Mit den Stolpersteinen könne die Bevölkerung nun mitten im eigenen Alltag ab sofort an einigen Stellen innehalten. „Die Generation der Zeitzeugen stirbt aus, und deshalb müssen wir auf die Jungen vertrauen, dass die Geschichte nicht vergessen und immer wach gehalten wird, in einer Zeit, in der alles so fragil ist“, betonte Beck und wies darauf hin, dass es damals eine Zeit gewesen sei, in der man nicht einfach sagen durfte, was man wollte. „Die ersten 34 Biografien sind aufgearbeitet, weitere werden folgen. Wir machen weiter mit der Stolperstein-Aktion“, versprach der Oberbürgermeister, der unter anderem die Urenkelin von Josef und Franz Berger begrüßte.

Jenische überreichenEhrenmedaille an den OB

Alexander Flügler und Robin Graf aus Singen überreichten als Vertreter des Zentralrats der Jenischen in Deutschland während der Verlegung dem Oberbürgermeister eine Ehrenmedaille als Dankeschön für die Erinnerung an das jenische Volk in Tuttlingen.

An weiteren Stellen in der Stadt wurden durch weitere Stolpersteinverlegungen an die drei Euthanasieopfer Franziska Handte, Eugen Menger und Regine Katharine Faude erinnert – „kranke Menschen, die wegen ihrer Leiden in Heilanstalten oder Pflegeeinrichtungen lebten und grausam umgebracht wurden“, sagte der OB. Genauso verlegte der Künstler Gunter Demnig zwei weitere Steine für die Jüdin Sybilla Kramer und ihr Ehemann Richard Kramer.

Die Schüler des Tuttlinger Otto-Hahn-Gymnasiums begleiteten die Aktion, erzählten am Samstag an jedem Ort die grausamen Geschichten zu den Opfern und legten jeweils Rosen an die frisch verlegten Stolpersteine.

Von der Musikschule Tuttlingen war Preisträgerin Marie Diesenberger dabei und spielte an den Standorten der Verlegung am Saxophon mehrere Stücke, während die Tuttlinger vor den Stolpersteinen kurz innehielten und ihre Trauer um die Opfer des Nationalsozialismus zum Ausdruck brachten.

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