Skurril: Olympiasieger findet keinen Trainingspartner

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 Aus welchen Gründen auch immer: Wer das Training gegen einen dreifachen Olympiasieger ablehnt, verzichtet auch darauf, wertvoll
Aus welchen Gründen auch immer: Wer das Training gegen einen dreifachen Olympiasieger ablehnt, verzichtet auch darauf, wertvolle Erfahrung zu sammeln und seinen sportlichen Horizont zu erweitern. Da deutsche Spitzenringer sich nicht mit dem Kubaner Mijaín López (oben auf dem Bild) messen wollen, ließ der ASV Nendingen seinen Ringer Mykola Kuchmii aus der Ukraine nach Deutschland kommen. (Foto: hkb)
Manuel Schust

Man stelle sich vor, eine weltweit anerkannte Legende seines Sports verweilt in Deutschland und findet weit und breit niemanden, der mit ihm trainieren will. Was in keiner anderen Sportart auch nur denkbar wäre, ist im Ringen in Deutschland offenbar Realität. Damit Mijaín López, der wohl beste Schwergewichtsringer der Welt, beim ASV Nendingen einen Trainingspartner bekommt, muss ein Ringer aus der Ukraine eingeflogen werden.

Nachdem beim vergangenen Kampftag des ASV Nendingen die letzten Autogramm- und Fotowünsche erfüllt worden waren, wendete sich der dreifache Olympiasieger Mijaín López an die Verantwortlichen des ASV. Statt wie geplant den Rückflug in die Heimat Kuba anzutreten, erkundigte er sich, ob es möglich sei, die mehrwöchige Zeit bis zum nächsten Kampf in Nendingen verbringen und dort trainieren zu können. „Mijaín López hat sich gleich wieder heimisch gefühlt bei uns“, berichtet ASV-Geschäftsführer Markus Scheu stolz über den kubanischen Rückkehrer, der bereits 2016 mit dem ASV die Deutsche Meisterschaft gewann. „Natürlich haben wir ihm sofort zugesagt, dass er in Nendingen weiter trainieren kann. Wir sind froh, dass er sich bei uns wohl fühlt und verstehen es als großes Kompliment an unsere Einrichtung, wenn ein Weltklasseathlet bei uns seine Trainingszelte aufschlagen will!“

Doch nicht das Umbuchen von Flügen oder die Abstimmung von Trainingszeiten sollte sich als Problem herausstellen, sondern überraschenderweise das Finden eines Trainingspartners. Denn obwohl der ASV in der deutschen Nationalmannschaft nachfragte, hatten die Verantwortlichen kein Interesse an intensiven Trainingswochen mit der lebenden Ringer-Legende Mijaín López. Offenbar wurde entschieden, das Umfeld der Deutschen Ringerliga (DRL) zu meiden und folglich auf ein Training mit López zu verzichten.

Beim ASV reagierte man hierauf zwar mit Unverständnis, handelte aber schnell pragmatisch: „Wir haben uns dann dazu entschlossen, unseren ukrainischen Ringer Mykola Kuchmii einfliegen zu lassen. Der hat sich wie ein kleiner Junge über die Möglichkeit gefreut und wird wahrscheinlich seinen Enkelkindern noch stolz davon erzählen, mit López trainiert zu haben“, berichtet Scheu lächelnd.

Was sich nach einer absurden Situation anhört, stellt nur eine weitere Episode im Streit zwischen dem Deutschen Ringerbund (DRB) und der DRL dar. Dabei spielt es noch nicht mal eine Rolle, ob der DRB seinen Ringern von einer Teilnahme am Training abgeraten hat oder aber die Ringer mittlerweile derart verunsichert sind, dass sie sich gar nicht mehr trauen, auf ein solches Angebot einzugehen. Auf deutscher Seite gibt es jedenfalls nur Verlierer: Den einheimischen Schwergewichtsringern entgeht eine wohl einmalige Gelegenheit, sich auf die anstehenden Wettkämpfe mit dem Maß aller Dinge in seiner Gewichtsklasse vorbereiten zu können. Und der ASV Nendingen muss extra für die Trainingseinheiten einen Ringer aus der Ukraine einfliegen lassen.

Dass der DRB nach wie vor ganz darauf setzt, gegen die DRL einen harten Kurs zu fahren, ist spätestens seit der Punktaberkennung für sogenannte Doppelstarter offensichtlich. Da sowohl dem Weltverband (UWW) als auch dem DRB Sperrandrohungen für in der DRL antretende Ringer juristisch untersagt wurden, streichen nun einige Verbände rückwirkend die Ergebnisse aller Ringer, die einen Doppelstart verzeichnen. Davon betroffen sind aus Nendinger Sicht Valentin Lupu (der auch für AV Sulgen aktiv ist) und Benjamin Raiser (in Diensten des TSV Ehningen). Durch die Revidierung zurückliegender Ergebnisse finden sich Vereine wie der AV Sulgen plötzlich auf Abstiegsrängen wieder. In seiner Auseinandersetzung mit der DRL schreckt der DRB offenbar nicht mehr davor zurück, Vereine und Ringer zu schädigen, die unter ihrem Dachverband antreten.

Der Streit zwischen DRB und DRL ist von einer Schlichtung aktuell weit entfernt und als Nachbeben in den niedrigen Ligen und bis in das Hoch zur deutschen Schwergewichts-Elite spürbar. Leidtragend bleibt das Mannschaftsringen, das in Deutschland weiter an Stellenwert verliert.

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