Sie wünschten – und Horst Dreher spielte

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Schwäbische Zeitung

34 Jahre lang hat Horst Dreher das Patientenradio im Krankenhaus Tuttlingen gemacht. Jeden Dienstag ab 18.45 Uhr spielte er Wunschtitel, übermittelte Grüße und sendete Genesungswünsche. Am 2. Februar war er das letzte Mal auf Sendung. Nun herrscht Funkstille auf Programm 1.

„Die Freude der Patienten war meine Bezahlung“, sagt der 72-Jährige, der all die Jahre ehrenamtlich tätig war. Jetzt ist es ihm einfach zu viel geworden. Den Zeitdruck, unter dem das Pflegepersonal steht, merkt man, wie er sagt. Und weder er noch seine Lebensgefährtin Waltraud Kambersky können in der Klinik von Bett zu Bett gehen, um die Zettel mit den Wunschtiteln einzusammeln und darauf zu achten, dass die Kopfhörer für den richtigen Empfang ausgeteilt werden.

Die Patienten sollten Spaß haben

3500 CDs lagern mittlerweile in Drehers Privatwohnung. Hier hat er in den vergangenen fünf Jahren die Sendung gemacht, auf CD gebrannt und an die Krankenhauspforte gebracht. Dort wurde sie als MP3-Datei abgespielt. „Ich wollte, dass die Patienten abgelenkt werden und ein bisschen Spaß haben“, sagt Horst Dreher. Auch Witze und kleine Begebenheiten hat er auf Sendung gebracht. Natürlich nur solche, „die der Pfarrer gutheißen würde“. Die Klinik hat ihn zwar finanziell unterstützt, ohne die Sponsoren, die er all die Jahre hatte, und seinen eigenen Einsatz wäre das Patientenwunschkonzert aber schon vor langer Zeit gestorben. Für das Überleben hat Horst Dreher sogar einen Verein gegründet, den „Krankenhausfunk Tuttlingen e.V.“ Als gemeinnützige Organisation konnte er Spendenbescheinigungen ausstellen. Auch der Verein ist mittlerweile abgemeldet.

Krankenhauspatienten, vor allem solche, denen die Ärzte strengste Bettruhe verordnet haben, sind für jede Abwechslung dankbar. Und sei sie noch so klein. Horst Dreher kennt diesen Zustand aus eigener Erfahrung. 13 Operationen hat der ehemalige Industriekaufmann und jetzige Frührentner mittlerweile hinter sich. So kam ihm die Idee, im Krankenhaus auf Sendung zu gehen. Beim damaligen Klinikdirektor Lang hat er offene Türen eingerannt. Doch die Genehmigung durch das Landratsamt stand noch aus. Mit einem Tonbandgerät ist Horst Dreher zum damaligen Landrat Hans Volle gegangen und hat ihm sein Programm vorgespielt.

„50 Plus“ beschreibt der Mann vom Radio seine Klientel. Darauf hat er beim Programm immer Rücksicht genommen. Den Anfang machte in der Regel ein Stück Volksmusik, dann kamen Schlager. Horst Dreher: „Wenn ich mit den Bravo-Hits gestartet wäre, hätten die älteren Hörer abgeschaltet.“ So hat er in den Hochzeiten des Krankenhausfunks – noch vor Handy und MP3-Player – eine stattliche Zuhörerschar gehabt. Und verbindend gewirkt. Dreher hat zu jedem Wunschtitel den Namen und die Zimmernummer des Patienten genannt. So haben Nachbarn oder Bekannte, die ohne es zu wissen, zur gleichen Zeit im Krankenhaus waren, voneinander erfahren.

Anfangs waren die Egerländer oder die Wildecker Herzbuben schwer angesagt. Dann wurde der Schlager groß. Andrea Berg, Helene Fischer, Die Flippers, Brunner und Brunner und Die Amigos hat der Radiomacher rauf und runter gespielt. Das war ihm nicht genug. Zu Weihnachten, den Ferienzeiten oder je nach Abteilung hat er Spezialsendungen gemacht und Medleys produziert. Zum Beispiel für die Wöchnerinnen-Station: Titel wie „Schön, dass Du da bist“ und „Ganz der Vater“ wurden eingespielt, verbunden und kommentiert. „Das ist gut angekommen.“

Ohne Radio kann Horst Dreher auch in Zukunft nicht sein. Zweimal wöchentlich geht er im Web-Radio „Blackwood-Radio“ auf Sendung. „Das Radio, wo die Fetzen fliegen“, heißt der Slogan. Er selbst ist übrigens Filderspatzen-Fan.

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