Seit 30 Jahren ein zu Hause für psychisch Kranke

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Monika Schäfer genießt es in einer Wohngemeinschaft zu sein. Sie sagt, sie könnt momentan anders nicht leben.
Monika Schäfer genießt es in einer Wohngemeinschaft zu sein. Sie sagt, sie könnt momentan anders nicht leben. (Foto: Claudia Steckeler)
Claudia Steckeler

„Beraten, begleiten, bewegen“, seit 1989 gibt es innerhalb des Psychosozialen Förderkreises Tuttlingen das Ambulante Betreute Wohnen (ABW). Ein Angebot, das sich an Erwachsene richtet, die aufgrund einer psychiatrischen Erkrankung Unterstützung benötigen. Das ABW ist eine individuelle Unterstützung im Alltag, die den Betroffenen ein möglichst selbstbestimmtes Leben in ihrer vertrauten Umgebung ermöglichen soll.

Im November 1989 war die erste Wohngemeinschaft gegründet worden. Dies erfolgte im Rahmen eines Modelprojekts des Landeswohlfahrtsverbandes mit dem Ziel Heimaufenthalte zu vermeiden und die Gemeindepsychiatrie zu stärken. Dieses erfolgte auf Initiative des damaligen Sozialdezerneten und ersten Vorsitzenden des PSF Volker Kauder und Dr. Friedrich Böhme (Konsiliararzt). Dem PSF TUT war es dabei wichtig, den Bewohnern auf Augenhöhe zu begegnen, ihre Selbständigkeit und ihre Privatsphäre zu stärken.

Zwei Bewohner einer solchen WG, die mit uns gesprochen haben, stimmen dem zu. Monika Schäfer wohnt seit einem Jahr hier und sagt: „Ich bin froh hier zu sein und fühle mich gut aufgehoben. Ich fühle mich nicht allein und habe, wenn ich will, immer einen Ansprechpartner. Selbst wenn es mir nicht gut geht, ist der Antrieb da zum Aufstehen.“ Ganz wichtig ist für sie die vorgegebene Struktur: Einmal pro Woche kommt der Betreuer, einmal geht es zum Einkaufen, einmal ist Versammlung, einmal macht sie in der Schmuckwerkstatt mit. Außerdem arbeitet sie regelmäßig im Kaffee Zeit im Krankenhaus. Das sei sehr wichtig für sie, betont sie.

Die festen Strukturen sind es auch, die Martin G. (Name geändert) einen festen Halt geben. Er wohnt seit sechs Jahren in einer betreuten WG. „Wenn man alleine wohnt, dann gibt es immer wieder Momente, wo man vor sich hindümpelt, nicht rauskommt“, erklärt er. „Hier achten wir aufeinander, tolerieren die Eigenheiten des Einzelnen, respektieren aber auch den Freiraum jedes einzelnen. Wir sind eine tolle Gemeinschaft.“ Früher lebte er allein, machte eine Ausbildung und danach ging es mit den psychischen Problemen los. „Ich war ein sogenannter Drehtürpatient“, berichtet er, denn immer wieder musste er in der Psychiatrie stationär aufgenommen werden, oftmals bis zu sechs Monate im Jahr. Auch er geht einer regelmäßigen Arbeit im Café des Diakonieladens Kaufkultur nach. Dieses ist, wie die Cafeteria im Klinikum, ebenfalls ein Beschäftigungsprojekt des Psychosozialen Förderkreises.

Hilfe zu suchen fiel allen schwer, denn „wem erzählt man es, wem kann man vertrauen. Auch sich selbst einzugestehen, dass man krank ist, fällt schwer. Meistens versucht man es nach außen hin zu vertuschen“, betont Monika Schäfer. Erschwerend komme hinzu, dass für Außenstehende eine psychische Erkrankung nicht zu sehen ist. „Vielen Leuten fällt es schwer, das anzuerkennen“, bemerkt Jordan N. (Name geändert), die im Ambulant Betreuten Einzelwohnen unterstützt wird. Die allgegenwärtige Ignoranz ist es auch, die allen Beteiligten zu schaffen macht, denn Zeit ihres Lebens kämpfen sie mit dem Gefühl der Ablehnung, der Abwertung, der Verachtung, der fehlenden Anerkennung - auch bezüglich sich selbst.

Dem Satz „Jeder ist seines Glückes Schmied“ kann Jordan N. nichts abgewinnen, denn es sei schlichtweg nicht wahr wenn es hieße, dass jeder alles schaffen kann, wenn er nur will. Es komme immer darauf an in welche Familie man hineingeboren werde, wo man aufwächst, welche Unterstützung man erhält. „Ich wünsche mir, dass die Leute wieder einen Blick dafür bekommen, dass es Menschen gibt, die nicht so viel Glück haben und hatten“, fordert sie, und betont, „es gibt Narben, die sieht man nicht. Eine gebrochene Seele sieht man nicht.“

Gemeinsam streben alle nach Akzeptanz. „Unter uns ist die Krankheit bekannt, wir verstehen die anderen in ihrem Verhalten, in aller Diskrepanz zum „normalen“ Leben. Wir motivieren uns gegenseitig“, erklärt Martin G., dessen Ziel es ist irgendwann wieder alleine zu leben, allerdings zunächst unterstützt durch den PSF. Die individuelle Betreuung unter anderem durch die Sozialpädagoginnen Maria Walter, oder Kathrin Geigis, die beide Teil des sieben köpfigen ABW-Teams des PSF TUT sind, spielt dabei zum Beispiel eine große Rolle. Jordan N., die nie in einer WG wohnen könnte fasst dies so zusammen, „Es ist gut zu wissen, dass da jemand da ist. Jemand, der hilft, der einen ernst nimmt.“

Wenn das Grundvertrauen im Leben fehlt, dann sei es für die Betroffenen sehr schwer sich zu öffnen, oder jemanden emotional an sich ranzulassen, erklären Maria Walter und Kathrin Geigis. Deshalb brauche es einige Zeit, bis eine Vertrauensbeziehung zwischen Klient und Betreuer gewachsen ist, in der Gespräche über die persönlichen Gedanken und Gefühle möglich sind. Übrigens jährlich finden Gespräche seitens der Eingliederungshilfe, die meist die Betreuungskosten ganz oder teilweise übernimmt, mit den Klienten statt, um zu sehen wie der jeweilige Stand ist. Welche Entwicklung stattgefunden hat und was die nächsten Ziele sind. „Wir versuchen für den Einzelnen eine größtmögliche Lebensqualität zu erreichen, das ist immer das Hauptziel unserer Arbeit“, betonen beide Sozialarbeiterinnen. „Das kann bedeuten, sie zurück in die Selbständigkeit zu führen. Oft ist das ein langer Prozess, der nur in ganz kleinen Schritten voran geht. Für manche Klienten, die schon über Jahrzehnte hinweg mit ihrer chronischen Erkrankung leben müssen, ist aber gar nicht die Selbständigkeit das oberste Ziel, sondern die Stabilität. Solche Menschen finden ihre größtmögliche Lebensqualität über viele Jahre in der WG. Für andere ist die WG nur ein Übergang, eine Zeit, in der sie sich stabilisieren und Kräfte sammeln können, um dann wieder den Sprung in ein eigenständiges Leben zu schaffen.“

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