Riesig: Tuttlingen wird zum Gesamtkunstwerk

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Riesig: Tuttlingen wird zum Gesamtkunstwerk
Riesig: Tuttlingen wird zum Gesamtkunstwerk
Michael Hochheuser

Irgendwie hat eine ganz besondere Atmosphäre gelegen über der Stadt an diesem Samstagabend. Station um Station konnten sich die Tuttlinger und auch viele Besucher aus der Umgebung erschließen – und jede hatte ihren ganz eigenen Flair. Etwa die Lesungen am Donauufer: Umgeben von Fackeln saßen dort die Autorinnen Christine Leutkart und Silke Porath, und lasen im Schein von Taschenlampen aus ihren Werken – während ihre Zuhörer aufmerksam Zeile um Zeile verfolgten.

War der Rahmen an der Donau eher intim, wohnten den Auftritten der Pianistin Henriette Gärtner in der Galerie der Stadt oft ein paar hundert Zuhörer bei. Inmitten der Arbeiten Frank Stellas war ihr Flügel aufgebaut, auf dem sie Operntranskriptionen oder Beethovens Mondscheinsonate intonierte – ein kleines Gesamtkunstwerk inmitten des großen der NachtKultour.

Wenige Meter weiter war das Rathaus zum Konzertsaal umfunktioniert: Dort zeigten, ebenfalls vor zahlreichen Zuhörern, High Five aus Offenburg, was fünf junge Männer alles allein kraft ihrer Stimme leisten können. Etwas lauter, dafür nicht weniger musikalisch, ging es im Jugendkulturzentrum zur Sache: Tuttlinger Bands wie Goodbye Emma oder Thriller Party Pin Ups leisteten vor ihren jugendlichen Zuhörern wahrlich schweißtreibende Arbeit.

Wer es etwas gemütlicher wollte, konnte etwa in der Stadtbibliothek Barbara Klobe & Friends zuhören, einem klassischen Jazz-Trio mit Piano, Kontrabass und Saxofon. Musik und Komik verbanden derweil im Alten Krematorium die Aufführenden der „Orchesterprobe“ nach Karl Valentin: Herrlich komisch, wie sich da ein Musiker und der „Herr Kapellmeister“ in schönstem Bayerisch Wortgefechte liefern – mit dem Resultat, dass sämtliche Musiker das Podium verlassen wollen.

Viel zu lachen hatten auch die Besucher der „Science Comedy“ im Fruchtkasten mit Dr. Andreas Korn-Müller. Der suchte bei seinen Auftritten vor vollen Rängen permanent den Kontakt zum Publikum. Bei seinem „verrückten Chemielabor“ bezog der Comedian die Zuschauer in seine Experimente ein, etwa als Feuerspucker oder als Spieler einer mit Wasser gefüllten Klangschale – und dass die in den ersten drei Sitzenden dabei leicht nass wurden, störte niemanden.

Derart viele Veranstaltungen, mehr als hundert, vereinte die NachtKultour, dass mancher Pendler gar nicht alles bewältigen konnte – was ja auch nicht der Zweck war. Deshalb hatten sich viele ihre persönlichen Rosinen rausgepickt, denen sie dann die entsprechende Muße schenkten. Für Literaturfreunde konnten dies Stiefels Buchladen oder die Buchhandlung Greuter sein, in letzterer trugen Stefan Ummenhofer und Alexander Rieckhoff aus ihren Schwarzwald-Krimis vor, derweil die Zuhörer bei Stiefel zum Beispiel bei Kerzenlicht Gruselgeschichten von Edgar Allan Poe lauschten – rechtzeitig zur Geisterstunde.

Eine geheimnisvolle Aura umgab auch die am Rathaus startenden Fackelführungen durch die Stadt, die Gedichtvorträge etwa von Zeilen Wilhelm Buschs begleiteten. Und geradezu mystisch erschien in der Nacht zum Sonntag der Tuttlinger Markplatz: Dort hatte das Theater Anu aus Berlin hunderte Lichter aufgebaut, die zusammengenommen als Labyrinth den „Sternenhimmel“ ergaben – eine poetische Spielerei zum würdigen Abschluss einer sechsstündigen NachtKultour, auf die sich die Veranstalter etwas einbilden dürfen.

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