Plötzlich Studentenstadt: Absolventen der ersten Stunde blicken zurück

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Ein Mann vor einem 3D-Drucker
Im Studiengang „Industrial Manufacturing“ hat Michael Kohlbecher die nötigen Grundlagen erlernt, die er nun in seinem Unternehmen für 3D-Druck anwendet. (Foto: Linda Egger)
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Ein Studentenleben hatte es in Tuttlingen zovor nicht gegeben, Kontakte mussten erst noch geknüpft werden und auf den Stühlen in den Vorlesungsräumen hatten vorher noch nie Studenten gesessen: Für die ersten 105 Studienanfänger begann vor zehn Jahren am neu gegründeten Hochschulcampus Tuttlingen eine spannende Reise auf dem Weg ins Berufsleben.

Einige der damaligen Absolventen führen heute selbst eine Firma oder arbeiten bei großen Tuttlinger Medizintechnikunternehmen.

In dieser Gegend kennt man die Medizintechnik durch die vielen großen Unternehmen, ich wollte schon gerne in die Industrie.

Christiane Klaiber

Drei Bachelor-Studiengänge bot der Tuttlinger Hochschulcampus bei seiner Eröffnung vor zehn Jahren an. Dabei waren es vor allem das außergewöhnliche Konzept einer engen Zusammenarbeit mit der lokalen Industrie und der hohe praktische Bezug, der viele Studenten ansprach.

„Ich wollte nicht in einer Uni nur im Labor irgendwas Theoretisches studieren“, stand für Christiane Klaiber damals fest. Die Medizintechnik reizte sie: „In dieser Gegend kennt man die Medizintechnik durch die vielen großen Unternehmen, ich wollte schon gerne in die Industrie“, sagt die 28-Jährige.

Ihre Wahl fiel auf den Bachelor-Studiengang „Industrial MedTec“. Einen Job fand die Nusplingerin nach dem Studium beim Tuttlinger OP-Mobiliarhersteller Stryker.

 Dass sie ein Studium im Bereich Medizintechnik einschlagen möchte, stand für Christiane Klaiber schon früh fest.
Dass sie ein Studium im Bereich Medizintechnik einschlagen möchte, stand für Christiane Klaiber schon früh fest. (Foto: Linda Egger)

Im Oktober 2009 nahm der Hochschulcampus als Zweigstelle der „Hochschule Furtwangen University“ offiziell den Betrieb auf. Und das Konzept, das die Industrie, die Stadt und der Landkreis Tuttlingen sowie die Hochschule Furtwangen University und das Land Baden-Württemberg gemeinsam ins Leben gerufen hatten, ging auf – wenn auch hier und da noch ein wenig improvisiert werden musste.

Mathematik beispielsweise war für alle drei Studiengänge ein Pflichtfach, weshalb eine Vorlesung für alle gemeinsam gehalten wurde. Allerdings waren hierfür die damaligen Räume der Hochschule zu knapp bemessen. Daher sei man auf einen Raum im Immanuel-Kant-Gymnasium ausgewichen, erinnert sich Michael D’Agosto.

Vom Arzt zum Medizintechniker

Auch er hat sich für ein Medizintechnik-Studium in Tuttlingen entschieden – mit damals 36 Jahren. Nach sechs Jahren Tätigkeit als Arzt sehnte er sich nach einer Umorientierung. Medizintechnik war ihm nicht fremd – mit vielen der medizinischen Instrumente hatte er schließlich selbst schon im OP-Saal hantiert.

Aber mich nach Jahren mal wieder mit Mathe und Physik zu beschäftigen, war das, was mir schwer fiel.

Michael D’Agosto

Und auch die Terminologie bereitete ihm wenig Mühe. „Aber mich nach Jahren mal wieder mit Mathe und Physik zu beschäftigen, war das, was mir schwer fiel“, sagt der heute 46-Jährige. Er sei dennoch jeden Morgen voller Freude zur Hochschule gegangen und denke noch heute gerne an sein Studium zurück.

 Michael D’Agosto entschied sich nach seiner Tätigkeit als Arzt noch für ein Ingenieursstudium.
Michael D’Agosto entschied sich nach seiner Tätigkeit als Arzt noch für ein Ingenieursstudium. (Foto: Linda Egger)

„Dadurch habe ich gelernt, wie ein Ingenieur zu denken, das war die Basis, auf die ich aufgebaut habe“, sagt der Familienvater, der inzwischen die Abteilung „Clinical Affairs“ bei Karl Storz leitet. Einer der Vorteile, die der Tuttlinger Hochschulcampus seiner Ansicht nach bietet, sind die vielen Praktika während des Studiums. Dadurch bekommen die Studenten Einblicke in zahlreiche Firmen in der Region – und können wertvolle Kontakte knüpfen.

Das war teilweise noch ein bisschen spärlich, mit Partys sah es mau aus“

Christiane Klaiber

Für Kontakte außerhalb der Hochschule blieb D’Agosto jedoch wenig Zeit: „Neben dem Studim war ich Familienvater oder habe als Arzt Bereitschaftsdienste übernommen – ein Studentenleben hatte ich also nicht“, erzählt er. Eine echte Studentenszene habe es in Tuttlingen in den Anfangsjahren allerdings ohnehin nicht gegeben, weiß Christiane Klaiber: „Das war teilweise noch ein bisschen spärlich, mit Partys sah es mau aus.

Aber man hat schnell gemerkt, dass es nach kurzer Zeit immer mehr Angebote, zum Beispiel Mittagstische für Studenten gab.“ Auch Lerngruppen oder Fahrgemeinschaften unter Studenten aus dem Tuttlinger Umland hätten sich schnell gebildet.

Der erste 3D-Drucker stand im Wohnzimmer

Das familiäre Miteinander untereinander und mit den Professoren schätzte auch Michael Kohlbecher. Der Emminger hat in Tuttlingen „Industrial Manufacturing“ studiert und ist Mitgründer und -Inhaber der Tuttlinger „Topmodellfabrik“, die sich auf 3D-Druck spezialisiert hat.

„Es war von Anfang an eine tolle Athmosphäre in den Vorlesungen, in der man gut vorangekommen ist“, erinnert sich der 29-Jährige. Sein Praxissemester macht er bei BMW in München, lernte die „Fertigungsmethode Mensch“ kennen. „Das war eine tolle Erfahrung“, so Kohlbecher.

Wir zeigen ihnen bei uns drei unterschiedliche 3D-Druckverfahren.

Michael Kohlbecher

Schon während des Studiums baute er sich mit Kollegen sein kleines Unternehmen auf – zunächst nur als Nebenjob, der erste 3D-Drucker stand in seinem Wohnzimmer. Mittlerweile ist die Topmodellfabrik in eigene Räume gezogen und hat ein Team von sieben Mitarbeitern. Mit fünf eigenen Druckern stellt das kleine Unternehmen 3D-Teile für verschiedene Firmen her, viele davon aus der Medizintechnik-Branche.

Auch heute noch familiäre Atmosphäre

Hin und wieder bekommen Michael Kohlbecher und seine Kollegen heute selbst Besuch von Studenten des Hochschulcampus. Im Masterstudiengang „Materialwissenschaften“ kommen die Studierenden einen Vormittag lang im Zuge eines sogenannten „Outhouse Labs“ vorbei.

„Wir zeigen ihnen bei uns drei unterschiedliche 3D-Druckverfahren“, erklärt Kohlbecher. Auch Michael D’Agosto hat noch immer Berührungspunkte mit dem Hochschulcampus: Er hält inzwischen selbst etwa sechs Vorlesungen pro Jahr. Zusätzlich betreut er Studenten, die bei Karl Storz ihre Abschlussarbeit schreiben.

„Die Zeiten, in denen ich jeden einzelnen am Hochschulcampus mit Namen kenne, sind zwar vorbei – dafür ist der Campus mittlerweile zu groß. Aber es ist immer noch sehr familiär und die Studenten zeigen wirklich großes Interesse, das macht Spaß“, schwärmt er.

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