Oberschwaben in seiner ganzen Vielfalt

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Der Tuttlinger Erwin Ulmer präsentiert sein neuestes Werk. Der pensionierte Lehrer tritt sonst als Dorfschulmeister im Freilicht
Der Tuttlinger Erwin Ulmer präsentiert sein neuestes Werk. Der pensionierte Lehrer tritt sonst als Dorfschulmeister im Freilichtmuseum Neuhausen ob Eck auf. (Foto: Kornelia Hörburger)
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Heiligenknochen aus mittelalterlichem „Versandhandel“ oder ein Klapp-Sarg zur mehrfachen Verwendung: Erwin Ulmer hat für sein neues Buch kuriose Tipps zur Erkundung Oberschwabens aufgetan.

„111 Orte, die man in Oberschwaben gesehen haben muss“, hat der Tuttlinger Autor für sein Buch in zwei Jahren gesucht, besucht und beschrieben. In Oberteuringen geboren, liegen Ulmer Land und Leute der Region Oberschwaben besonders am Herzen. Großräumig definiert er die Gegend als „Region zwischen Donau, Bodensee und Iller“. So sind darin auch drei Orte aus dem Landkreis Tuttlingen vetreten: der Theaterbahnhof Mühlheim, das „Napoleonseck“ in Emmingen-Liptingen und – aus der Perspektive des Glücksschweins Ferdinand – das Freilichtmuseum Neuhausen mit seiner Schweinehut.

Ganz im Sinne des Konzepts der Reihe beschreibt Ulmer möglichst skurrile Orte möglichst anregend. Etwa einen kuriosen Sarg aus dem 18. Jahrhundert im Stadtmuseum Bad Saulgau: Durch dessen klappbaren Boden glitt der Leichnam ins Grab, und der Sarg konnte weiter benutzt werden. Oder das „Seelenloch“ im Ravensburger Humpis-Quartier – jene kleine Fensteröffnung, durch die angeblich die Seelen Verstorbener den Raum verlassen konnten.

Ulmer zeigt die tiefe Prägung der Menschen von der langen kirchlichen Tradition: Bis heute erhoffen sie sich Hilfe bei Eheproblemen durch das – andächtige – Anzünden einer Kerze in der Gangolfkapelle in Wolpertswende. Oder, wenn sich kein Nachwuchs einstellen will, von einer Pilgerreise zum Bussen, dem „Heiligen Berg Oberschwabens“.

Wallfahrten haben Tradition: Exemplarisch erklärt Ulmer an den Reliquien in Bad Kisslegg den europaweiten Handel mit „Heiligenknöchelchen“ im Mittelalter. Der florierte, weil sich die Kirchen eine profitable Wallfahrt erhofften.

An den berühmten Barockkirchen kommt auch ein etwas anderes Reisebuch über Oberschwaben nicht vorbei, wenn auch nicht in Form eines klassischen Kirchenführers. „Ich suche ein Detail, aus dem sich wie aus einer Knospe eine ganze Geschichte entfaltet“, erklärt er. So plaudert er über den Weg der Heilig-Blut-Reliquie von Golgota in die Weingartener Basilika oder, in der „schönsten Barockkirche der Welt“ in Steinhausen, über „die Fliege in der Fensternische“.

„Oberschwaben ist mehr als Barock“, betont Ulmer. Und empfiehlt fürs leibliche Wohl die Hofkäserei in Bad Waldsee, den Tettnanger Hopfen oder die Seelenbäcker in Wangen im Allgäu.

„Drumlins“, hügelige Landschaftsphänomene aus der letzten Eiszeit, finden sich neben Spazierwegen wie dem „Mundartweg“ mit integriertem Schwäbisch-Kurs in Ilmensee. Doch einige Orte stimmen auch nachdenklich: etwa die Überreste des V2-Testgeländes oder die Absturzstelle der 2002 im Himmel über Überlingen kollidierten Flugzeuge. Oberschwaben in seiner ganzen Vielfalt.

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