Nicht-Vernissage im „Preisswerk“ wird zum Erfolg

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 Markus (links) und Hellmut Preiss zeigen ihre Werke,
Markus (links) und Hellmut Preiss zeigen ihre Werke, (Foto: Jeremias Heppeler)
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„Es gibt keine Vernissage“ – Hellmut Preiss wird nicht müde zu betonen, dass sich die Ausstellung „Fakt'n Fiction“, die er gemeinsam mit seinem Bruder Markus im „Abteil 42“ im Tuttlinger Hauptbahnhof umsetzte, den gängigen Strukturen des Kunstbetriebs entzieht. Nicht zwang- oder krampfhaft, aber eben doch als bewusste Entscheidung. Und so begibt es sich, dass sich das „Preisswerk“ einfach öffnet, da ist, als Mischung aus Bar und Galerie, als Spurenleger und Spurensichtbarmacher.

Später am Mittwochabend, als der vom Kukav-Verein angetriebene und stetig weiter gedachte Raum längst prall gefüllt ist, spielt die Tuttlinger Kombo Orlando Bloom inmitten der Bilder. Ohne Ansage. Ohne einleitende Worte. Gut so. Denn die Werke der Preiss-Brüder, die so weit auseinander driften und eben doch als Verzahnung funktionieren, sollen sich die Besucher schon selbst erschließen.

Einerseits Markus feingliedrige Zeichnungen, tief verankert in der Comic-Kunst, meist düstere Huldigungen in Tusche, die gehängt auf die Bahnhofspatina ihre ganz eigene Aura entwickeln. Andererseits Hellmuts Werk, filigranste Bücher-Abschriften, die sich im stunden-, nein, tagelangen Prozess in grafischen Un- und Umformen materialisieren und in der Kombination eine faszinierende, abseitige Bibliothek manifestieren.

Dazu kommt das digitale, 70 000 Fotografien tiefe Bilderarchiv des Künstlers, präsentiert als Bildschirmschoner auf vier Geräten, die nun vollkommen willkürlich Collagen zusammen klicken. Und jetzt wird klar: „Fakt'n Fiction“ zeigt die folgenschwere und lustvolle Verwicklung von Archiv- und Popkultur, die offenbart, dass in Zeiten, in denen Donald Trump die Grenzen zwischen Fakt und Fiktion ganz bewusst vermischt und „Fake News“ zum Kampfbegriff erklärt, die Sub- und Popkultur zum utopischen Rückzugsort reift.

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