„Mobilität wird teurer“

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Schwäbische Zeitung

Wer in Tuttlingen einen Parkplatz sucht, muss in der Regel dafür bezahlen oder etwas weiter außerhalb parken. Redakteurin Ingeborg Wagner sprach mit Tuttlingens Baubürgermeister Willi Kamm über den Ist-Zustand und weitere Möglichkeiten zur Schaffung von Parkraum.

Der Konflikt zwischen Anwohnern im Bereich des Hochschulcampus und Studenten wegen der Parkplätze ist nur ein Brennpunkt in der Stadt. Hat Tuttlingen zu wenig Parkplätze?

Nein, im Gegenteil: Tuttlingen hat ein ausreichendes Angebot, darunter sogar sehr viele zentrumsnahe Stellplätze, die aber nicht so genutzt werden, wie ich mir das wünschen würde. Viele Berufspendler blockieren diese wertvollen Parkplätze acht bis zehn Stunden am Tag. Viel lieber würde ich sie Tagesbesuchern zur Verfügung stellen. Aber klar ist, dass die Anwohner der Innenstadt am meisten darunter leiden. Ihnen fehlt dieser Parkraum.

Wären Anwohnerparkausweise die Lösung, gerade auch im Bereich Hochschulcampus?

Aus meiner Sicht ist das nur die zweitbeste Lösung. Die beste wäre, ausreichend privaten Parkraum im Bereich Innenstadtwohnen zur Verfügung zu stellen. Sei es als kleine, dezentrale Parkhäuser oder als Quartiers-Tiefgaragen. Sie sind optimal, haben aber einen Pferdefuß: Sie kosten sehr viel Geld. Bei einer Tiefgarage sind die Herstellungskosten pro Stellplatz bei 25000 bis 30000 Euro, bei einem Parkhaus von 12000 bis 15000 Euro pro Platz. Diese Investition scheuen die meisten.

Wie viele Stellplätze gibt es eigentlich in der Innenstadt?

Das kann ich Ihnen ganz genau sagen: Tuttlingen hat 1637 gebührenpflichtige und 1431 kostenlose Stellplätze. (Anm. d. Red.: siehe „Parkplätze“)

Wo sehen Sie weitere Möglichkeiten zur Schaffung von Parkraum?

Ganz aktuell liegt uns ein Angebot der Aesculap vor, uns als Stadt ebenso wie das Landratsamt am geplanten Parkhaus hinter dem Bahnhof zu beteiligen. Dort sollen 600 bis 900 Stellplätze entstehen.

Wie wird sich die Stadt entscheiden?

Das ist noch offen, allerdings will die Firma Aesculap bis Mitte kommenden Jahres eine Antwort haben. Für mich stellen sich dabei zwei entscheidende Fragen. Die eine ist, wie viel Verkehr der Knotenpunkt zur Anbindung an die B311 verträgt und wie leistungsfähig das Straßennetz ist. Und die andere: Wie viel sind die Menschen bereit, für Parkfläche zu bezahlen? Die Kalkulation der Standmiete geht von rund 60 Euro pro Monat aus. Momentan kostet ein Stellplatz in den anderen Parkhäusern der Stadt gut 40 Euro monatlich. Der Landkreis überlegt, inwieweit eine Nutzung des Bustickets für Mieter des Aesculap-Parkhauses kostenlos sein könnte. Klar ist, dass wir uns durch einen Mobilitätsschwerpunkt am Bahnhof von den freien Stellplätzen im Bereich Sparkasse und Landratsamt verabschieden müssten. Ich kann mir vorstellen, dass dort dann die Parkscheibe gelten wird, die Parken zeitlich begrenzt.

Schon jetzt gibt es in den Parkhäusern der Innenstadt auffallend viele freie Stellplätze. Warum werden die nicht mehr genutzt? Gibt es neue Strategien, diese besser zu füllen?

Die schlechte Auslastung hat einerseits auch mit den Gebühren zu tun, aber nicht nur. Die Parkhäuser sind relativ eng, die Zugänge nicht besonders attraktiv. Da müssen wir sukzessiv schauen, was man verbessern kann. Das sind sicherlich keine schnellen Lösungen. Wenn wir fünf bis zehn Jahre vorausschauen, dann wird es auch ganz neue Systeme geben, wie zum Beispiel Parkhäuser, bei denen man das Auto abgibt, das dann automatisch geparkt wird. Zudem testet Daimler gerade ein elektronisches System, durch das das Fahrzeug den Parkplatz selbst finden und einparken soll.

Der Brezeltarif – 20 Minuten freies Parken – ist vor drei, vier Jahren im Innenstadtbereich abgeschafft worden, dafür wurde die Maximalparkzeit von einer auf zwei Stunden erhöht. Hat sich das aus Ihrer Sicht bewährt?

Wir haben das bislang weder evaluiert, noch liegt mir vom Einzelhandel eine Rückmeldung vor. Allerdings sind wir als Stadt gerade dabei, unser Mobilitätskonzept neu aufzustellen. Da gehört auch das Parken dazu. Das wird in Zusammenhang mit Studenten der Hochschule für Technik in Stuttgart mit Professor Lutz Gaspers als Ansprechpartner erfolgen, Stichwort Infrastrukturmanagement. Bis zum Jahresende soll dann entschieden werden, welche Erhebungen wir zu welchen Kosten noch brauchen. Im Zuge dieses Konzepts kommt auch die Innenstadtregelung auf den Prüfstand.

Der Parkplatz hinter der Stadthalle ist meist leer, dabei gibt es hier rund 120 Stellplätze. Warum ist er so unattraktiv?

Insgesamt ist die Außennutzung des Stadthallenparkplatzes sicherlich nicht so, dass man zufrieden sein kann. Offensichtlich ist es so, dass viele Menschen es als unzumutbar empfinden, mehr als 100 bis 150 Meter zu Fuß zu gehen. Anders kann ich es mir nicht erklären, denn eigentlich ist es ein schöner Weg, entlang der Donau in die Innenstadt zu gelangen.

Ganz allgemein gefragt: Müssen sich die Tuttlinger darauf einstellen, künftig mehr Geld für das Parken zu bezahlen?

Ja, doch das ist nicht alleine aufs Parken beschränkt, sondern auf das Mobilitätsverhalten allgemein. Uns als Stadt treibt die Frage um, wie wir es schaffen, das Fahrverhalten zu optimieren. Wie sich Kollegen und Bekannte absprechen und arrangieren können, dass sie zusammen zur Arbeit pendeln. Oer wie wir vom eigenen Fahrzeug etwas wegkommen und eben doch ab und zu den Bus nehmen oder ein anderes öffentliches Verkehrsmittel. Hier gibt es spannende Ansätze und Konzepte. Diese Möglichkeiten wollen wir im Rahmen des Mobilitätskonzepts für Tuttlingen prüfen.

Übersicht Parkplätze Tuttlingen:

Gebührenpflichtige Stellplätze:

Kernstadt: 706

Donauspitz: 73

Parkhaus Am Seltenbach: 198

Parkhaus Innenstadt: 225

Parkgarage Modepark Röther: 90

Volksbank: 20

Tiefgarage Stadthalle: 214

Parkplatz Stadthalle: 120

Freie Stellplätze:

Donauspitz: 302

Tuwass: 130

Gymnasien: 110

Bereich Mühlau-Sporthalle: 94 (wird sich durch das Wohnbauprojekt der Wohnbau verringern)

Berufsschulen: ca. 300

Bereich westliche Innenstadt (Landratsamt/Sparkasse): 495

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