Mindestens fünf Opfer - Moderne Heiratsschwindler im Kreis Tuttlingen unterwegs

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 Liebesschwüre per Rechner: Beim Romance Scamming bringen Betrüger Menschen dazu, Geld zu überweisen, obwohl man sich noch nie g
Liebesschwüre per Rechner: Beim Romance Scamming bringen Betrüger Menschen dazu, Geld zu überweisen, obwohl man sich noch nie gesehen hat. (Foto: dpa/tmn/Franziska Koark)

Sie sind männlich, sitzen in Afrika, der Türkei oder in Russland und gaukeln alleinstehenden Frauen über das Internet tiefe Gefühle für sie vor. Die Opferhilfe Weißer Ring hat im Landkreis Tuttlingen in den vergangenen zwei Jahren gleich fünf Frauen betreut, die Opfer dieser modernen Heiratsschwindler geworden sind. Der Gesamtschaden beträgt rund 300 000 Euro. Geld, um das die Betrüger ihre Bekanntschaften wegen angeblicher Notsituationen gebeten hatten.

Wolfgang Schoch, Leiter der Außenstelle des Weißen Rings für den Kreis Tuttlingen, sieht die Dunkelziffer beim „Romance Scamming“ (zu deutsch: romantische Masche) noch deutlich höher. Dabei werden gefälschte Profile in Singlebörsen dazu benutzt, den Opfern Verliebtheit vorzugaukeln, um finanzielle Zuwendungen zu erschleichen. Und er prophezeit: „Wir werden das immer mehr bekommen.“

Einsamkeit, die Anonymität des Internets und Halbwissen im Umgang mit Computern hätten diese fünf Frauen aus dem Kreis zu Opfern gemacht. Was bleibt, ist in einem Fall der finanzielle Ruin und bei den anderen vier ein empfindlicher Geldverlust, gepaart mit Liebeskummer und Selbstzweifeln. Nur zwei der Frauen hätten sich dazu entschlossen, den Betrug bei der Polizei anzuzeigen. Die anderen weigerten sich, aus Angst, dass ihre Familie von der Internet-Romanze erfahren könnte. Schoch: „Das bekommen die Kinder erst mit, wenn sie merken, dass das Erbe weg ist.“

Kontaktbörsen als Arbeitsfeld

Das Internet ist aus dem gesellschaftlichen Leben nicht mehr wegzudenken. Wir kaufen, wir surfen, wir buchen, wir informieren uns – und wir flirten. So auch diese alleinstehenden Frauen zwischen 60 und 70 Jahren, die auf Kontaktbörsen unterwegs waren. Schoch warnt: „Dort tummelt sich eine Menge Krimineller.“ Sie verstünden sich als Jäger: Sie warten, bis der Schwarm auf sie zukommt. „Dann müssen sie nur zugreifen.“

Mit attraktiven, aber geklauten Profilbildern und interessanten, aber frei erfundenen Berufen – Arzt, Pilot und Ingenieur – haben die Männer das Interesse der Frauen gewonnen. Nach ersten Kontakten per Mail sei auch gleich eine Liebesbeziehung vorgetäuscht worden. Schließlich kann man mit Worten vieles ausdrücken, ebenso am Telefon, wenn man sich nicht in die Augen schauen muss. „Es fängt ganz harmlos an und endet in der Tragödie“, hat der Außenstellenleiter des Weißen Rings in der Zusammenarbeit mit den betrogenen Frauen gelernt. Die Liebesschwüre seien nur Mittel zum Zweck, ebenso die frei erfundenen Geschichten: Der UN-Arzt in Ghana, der ein Lazarett aufbauen will und von der Frau aus Tuttlingen erst kleine, dann immer größere Spenden dafür braucht. Der Ingenieur in der Dritten Welt, der eine Firma gründet. Eine Finanzierung platzt, das Projekt steht auf der Kippe – er will Geld. Der Pilot in Asien braucht ebenfalls finanzielle Hilfe. Und das Geld aus Deutschland fließt. Nur zu den tatsächlichen Treffen mit den verliebten Frauen kommt es nie.

„Sie müssen sich vorstellen: Die Betrüger sitzen wie im Call-Center am Computer und am Telefon und bearbeiten gleich mehrere Fälle, sprich Frauen, gleichzeitig“, erklärt Schoch das Vorgehen. Die Beträge werden über Western Union angefordert – auf diesem Weg kann es vom Absender nicht mehr zurückgebucht werden.

Ein Fall ist aufgeklärt

Fünf Fälle dieses „Liebesbetrugs“ sind 2017 und 2018 bei der Polizei im Kreis Tuttlingen angezeigt worden. In einem Fall, bei dem das Opfer aus Spaichingen stammt, wurde der Täter ermittelt, erklärt Polizeisprecher Thomas Kalmbach. Zwar hinterließen die Gigolos virtuelle Fingerabdrücke. „Aber die müssen Sie auch zuordnen können.“ Vor allem, wenn aus dem fernen Ausland agiert werde, sei das schwierig, da sich die Zusammenarbeit mit den dortigen Behörden schwierig gestalte, besonders in Afrika.

Zwei Frauen schickten intime Fotos von sich an ihren vermeintlich Liebsten, auch zu Internetsex war es gekommen. Schoch: „Das ist die absolute Falle.“ Mit diesem Bildmaterial erpressten die Männer ihre Bekannten auch dann noch, als diese längst ahnten, dass die Gefühle nicht echt waren: Entweder, du zahlst weiter, oder ich schicke diese Fotos an deine Kinder, Freunde, Nachbarn oder Bekannten. In diesem Punkt kann Wolfgang Schoch die Betrogenen beruhigen: Er habe noch keinen Fall erlebt, bei dem die Fotos an Außenstehende verschickt wurden. Das sei viel zu aufwändig: Neue ahnungslose Opfer würden ja jederzeit ins Netz geschwemmt.

Kriminalitätsstatistik 2017 nach Landkreisen

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