Müllberge vermeiden: Tuttlingen führt Kaffee-Pfandbechersystem ein

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 Sandra Mohr, Abteilung Wirtschaftsförderung der Stadt Tuttlingen (von links), Artur und Elisbeth Nestel von der Bäckerei Nestel
Sandra Mohr, Abteilung Wirtschaftsförderung der Stadt Tuttlingen (von links), Artur und Elisbeth Nestel von der Bäckerei Nestel, Alexander Stengelin, Citymanager der Stadt Tuttlingen, Birgit Karl von der Bäckerei Heinz in Nendingen, Oberbürgermeister Michael Beck, Bulos Kusoglu vom Café Como und Simon Gröger, Wirtschaftsförderung Tuttlingen, bei der Vorstellung des „Recup“-Bechers. (Foto: Sebastian Heilemann)

In fünf Cafés in Tuttlingen gibt es ab sofort den „Recup“ – ein wiederverwendbarer Pfandbecher für Heißgetränke. Der soll dafür sorgen, dass in der Stadt weniger Pappbecher verwendet werden – und somit eine Menge Müll vermeiden.

Im Café Como, dem Bäcker Sternenbäck, der Bäckerei Nestel, im Backstüble Stamenkovic und der Bäckerei Heinz in Nendingen: Dort können Kaffetrinker in Zukunft ihren Kaffee zum Mitnehmen anstatt in einem Pappbecher in einem umweltfreundlicheren „Recup“-Becher bestellen. Der Kunststoffbecher kostet einen Euro Pfand und kann bei allen Partnern wieder abgegeben werden. Dort wird er gespült und kann wiederverwendet werden. Wer einen Deckel für den Pfandbecher möchte, muss sichdiesen für 1,50 Euro kaufen. Aber auch der ist wiederverwendbar.

23.000 Pappbecher pro Woche möchte die Stadtverwaltung in Zukunft mit dem System einsparen. Das entspricht einem Müllberg der mehrere Rollcontainer füllt – so viel fällt statistisch in Tuttlingen an. Denn wie viel Müll die Kaffeebecher aus Pappe tatsächlich in Tuttlingen ausmachen, hat niemand gezählt. 500 Spülgänge soll ein „Recup“ laut dem Startup aushalten, bevor er ausgetauscht werden muss. Das entspricht rund 7,5 Kilogramm vermiedenem Pappbechermüll. „Das ist ein erster kleiner Schritt, um das Bewusstsein bei den Bürgern zu verändern“, sagte Oberbürgermeister Michael Beck.

Becher aus dem Allgäu

Hergestellt werden die „Recup“-Becher in Wangen im Allgäu. Das System stammt von dem gleichnamigen Startup aus München. Das hat ein Geschäftsmodell für die Pfandbecher entwickelt. Das Startup stellt die Becher gegen einen Euro Pfandgebühr zur Verfügung, tauscht kaputte Exemplare kostenfrei aus und verzeichnet alle Partner in einer App. Im Gegenzug zahlen die Partner eine Lizenzgebühr von einem Euro pro Tag – also 365 Euro im Jahr. Für Cafés lohnt sich das nur, wenn sie auch eine bestimmte Menge an Mitnehm-Kaffees verkaufen.

Deswegen greift die Stadt den Gastronomen nun unter die Arme, um das System ins Rollen zu bringen. Für bis zu zehn Partner übernimmt die Stadt die Systemgebühr für das erste Jahr. Fünf Betriebe können sich aktuell also noch melden. Oberbürgermeister Beck erhofft sich aber auch, dass die Kaffeetrinker Druck ausüben, indem sie ihren Kaffee vorzugsweise im „Recup“ bestellen.

Die Stadt will in den kommenden Wochen für das System werben und möglichst weitere Partner gewinnen. Auf dem Markt am Montag verteilt die Stadtverwaltung insgesamt 200 Kaffeegutscheine, die bei den „Recup“-Partnern eingelöst werden können – zum Beispiel im Café Como von Geschäftsführer Bulos Kusoglu.

„Man muss schon sehr viel Überzeugungsarbeit bei den Kunden leisten“, sagt er. „Und wenn die Kunden sich dann doch für den Pappbecher entscheiden, bin ich ziemlich enttäuscht.“ Dennoch steht er hinter der Idee und gibt sogar Rabatt auf seinen Kaffee, wenn sich den jemand in den „Recup“ gießen lässt.

Ein Hygieneproblem?

Auch die Bäckerei Schneckenburger hat über die Einführung des Bechers nachgedacht – und sich zunächst dagegen entschieden. „Die Hygiene-Auflagen vom Amt sind sehr hoch“, sagt Lisa Rinke, zuständig für Marketing bei der Bäckerei Schneckenburger. Der Bäcker hatte beim Amt für Lebensmittelkontrolle wegen des Bechersystems angefragt – und für die Becher eine eigene Theke einrichten müssen.

Das ist ein erster kleiner Schritt, um das Bewusstsein bei den Bürgern zu verändern Oberbürgermeister Michael Beck

Das Problem sei die Rücknahme der Becher. Denn die gebrauchten „Recups“ von außerhalb des Ladens müssten möglichst räumlich getrennt von den anderen Waren angenommen werden, um die Hygiene zu gewährleisten. „Der Aufwand ist sehr hoch“, sagt Rinke. Auch wäre es der Bäckerei lieber, der Becher wäre nicht aus Kunststoff, sondern anderen Materialien.

Grundsätzlich sei man aber auch bei Schneckenburger offen für die Idee. „Wir müssen uns das nochmal anschauen“, sagt Rinke. „Das Konzept liegt bei uns in der Schublade.

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