Literaturherbst beginnt mit Hommage

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 Franziska Hölscher, Lauma Skribe und Julia Jentsch (von links) erinnern beim Auftakt des diesjährigen Literaturherbsts in Tutl
Franziska Hölscher, Lauma Skribe und Julia Jentsch (von links) erinnern beim Auftakt des diesjährigen Literaturherbsts in Tutlingen an Roger Willemsen. (Foto: Kornelia Hörburger)
Kornelia Hörburger

Mit einer musikalisch-literarischen Hommage an den vor zwei Jahren verstorbenen Roger Willemsen ist der 15. Tuttlinger Literaturherbst am Dienstagabend in der Stadthalle eröffnet worden. Christof Manz, der Initiator der Reihe, blickte in seiner Begrüßung mit Wehmut auf Willemsens Besuche in Tuttlingen zurück.

Das Programm „Landschaften“ war aus der Freundschaft zwischen der Geigerin Franziska Hölscher und Willemsen noch zu dessen Lebzeiten hervorgegangen. Gemeinsam hatten sie noch die Auswahl der Stücke getroffen, als musikalische Pendants zu Willemsens Texten. Hölscher brillierte an diesem Abend mit schönem Ton und führte mit der energiegeladenen Lauma Skribe am Flügel innige musikalische Zwiegespräche.

Schauspielerin Julia Jentsch rezitierte aus Willemsens feinsinnigen essayistischen Betrachtungen: vom Nachdenken über den Begriff „Heimat“ bis zu Reiseeindrücken aus ganz Europa, allesamt Poesie gewordene, oft mit einem Augenzwinkern versetzte akribische Beobachtungen.

Südosteuropa war die erste Station des Abends. Willemsens „Rumänische Landart“ und sein „Serbischer Tanz“ spiegelten sich musikalisch in Béla Bartóks rumänischen Tänzen. Einen davon sang Hölschers Geige sehnsuchtsvoll-melancholisch, den anderen rhythmisch-tänzerisch.

Den traditionsverhafteten Bayern, die als einziges Volk freiwillig ihrem Klischee treu seien, setzte das Programm kontrastreich Ravels „Blues“ entgegen: Jazz-Rhythmen mit gezupften und geschlagenen Saiten wider Starkbier-Stimmung. Das Stück leitete gleichzeitig über zu Willemsens detaillierten, humorvollen Beobachtungen an einem „Berliner Bahnsteig“. Der Bezug der folgenden Stücke zum Großstadtflair der Texte erschließt sich erst völlig anhand der Musiktitel: „Perpetuum mobile“ von Ravel und „Rasch“ von Anton Webern.

Mit Debussys „Reflets dans l’eau“ schuf Skriba nach der Pause ein Klanggemälde mit hüpfenden und herbeirollenden Meereswellen, in dem die von Willemsens zuvor beschriebenen „50 Bademützen von Senioren, die der Tidenhub bewegt“, geradezu sichtbar wurden. Mit Brahms und Sibelius wurde es nach der Pause romantisch und mit Bach zu Beginn und am Schluss fügte Willemsens „Enden der Erde“ zusammen.

Lang ist die Liste der Auszeichnungen für Julia Jentsch. Am Dienstag kam noch das Bundesverdienstkreuz hinzu – und sie schaffte es gerade noch von der Verleihung aus Berlin direkt auf die Stadthallen-Bühne. Vielleicht war es der Hektik geschuldet, vielleicht auch der Tatsache, dass Jentsch kurzfristig für eine Kollegin eingesprungen war und die dichten, gehaltvollen Texte noch nicht verinnerlicht hatte: Als Sprecherin konnte sie an diesem Abend nicht hundertprozentig überzeugen. Sie las unaufdringlich-natürlich, doch allzu oft führte sie Spannungsbögen nicht zu Ende, und auch ihre Stimme klang schon frühzeitig recht beansprucht.

Nur etwa 200 Besucher waren in die Stadthalle gekommen. Sie spendeten jedoch reichlich Schlussapplaus, und Christof Manz betonte: „Es geht nicht immer um volle Häuser sondern ums Wesentliche in unserer Zeit.“

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