Kunstaktion: Rollenspiel im Bahnhof schafft Begegnungen

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Kunstaktion: "Fahrgäste" schlüpfen an Gleis 0 in verschiedene Rollen

Der Kulturkasten-Verein für interkulturellen Austausch (Kukav) veranstaltet eine Kunstaktion am Gleis 0 im Tuttlinger Bahnhof. Die "Fahrgäste" sollen in verschiedene Rollen schlüpfen und durch Aufgaben in Kontakt kommen.

Schwäbische Zeitung
Videoredakteurin

Raus aus der Komfortzone und verkleidet neue Leute ansprechen – dazu bringt mich meine Fahrkarte. Bei der Kunstaktion des Kulturkasten-Vereins für interkulturellen Austausch (Kukav) am Samstag bin ich einer der Fahrgäste. Am Gleis 0 im Tuttlinger Bahnhof trete ich meine Reise in ein Sozialexperiment an.

„Sind Sie neu zugestiegen?“, fragt mich der Schaffner an der Tür zum Gleis 0. Ich nicke unsicher und schaue mich im Raum um. Ein DJ legt in einer Ecke Musik auf, ein paar „Fahrgäste“ wippen mit. Viele haben verrückte Hüte und Brillen an. Es gibt ein Bordbistro an der Wand, ein gemaltes Schild weist die Gäste darauf hin. Die Damen hinter der Theke tragen Affenmasken. „Hier ist Ihre Fahrkarte. Tragen Sie sie immer bei sich für die Kontrolle“, sagt der Schaffner mit einem Zwinkern.

Dann werde ich in die Garderobe geschoben. Ich soll in eine neue Rolle schlüpfen. Während mich die Dame beim Kleiderfundus mustert, lese ich meine Fahrkarte: „Gemeinschaftsfahrschein Erdenbürger. Von Tuttlingen nach Zukunft über Kukav.“ Ich drehe die Fahrkarte um, dort steht meine Aufgabe.

Um die Fahrgäste aus der Reserve zu locken, hat jeder eine Aufgabe auf seiner Fahrkarte. Um sich von den üblichen Rollen frei zu machen, können die Fahrgäste in Kostüme schlüpfen. „Wir wollen keine Grüppchenbildung, aber das ist leider die Tendenz in unserer Gesellschaft. Wir wollen dagegen steuern“, sagt Andreas Leutkart, Vorstand des Kukav. Die Kunstaktion im Gleis 0 soll die Auftaktveranstaltung des Vereins sein. „Wir wollen zeigen, wer wir sind und was wir vorhaben“, sagt Leutkart.

Plötzlich ist der Raum in eine warm-goldene Farbe getaucht. Ich schaue durch eine Piloten-Sonnenbrille, die mir die Dame an der Garderobe aufgesetzt hat. Dazu trage ich einen schwarzen Sommermantel und einen Strohhut. „So fahren Sie in den Sommerurlaub“, ruft sie. Ich lasse mich darauf ein und erzähle den anderen Fahrgästen, dass ich in den Sommerurlaub fahre. Meine Aufgabe weiß ich jetzt auch: Ich soll verrückte Zuggeschichten sammeln und erzählen.

Die Kostüme und die Aufgaben sind ein Eisbrecher. Ich frage fremde Leute nach ihrer spannendsten Zugfahrt und komme sofort ins Gespräch.

„Mit 18 Jahren wurde ich wegen Urkundenfälschung angezeigt. Ich war Praktikantin und bin mit dem Schülerausweis und der Fahrtkarte meiner Freundin gefahren. Das habe ich nur gemacht, weil die Frau am Ticketschalter gesagt hat, dass ich als Praktikantin keine Schüler-Fahrkarte bekomme. Und das beste war: Das stimmte gar nicht, ich hätte auch eine bekommen.“

„Ich bin Lokführer bei der Deutschen Bahn. Das ist eigentlich eher langweilig. Aber ich weiß noch genau am 14. Juli 2014, morgens um 0.42 Uhr, sollte ich in Stuttgart abfahren. Doch da war das Finale der Fußball-Weltmeisterschaft. Normalerweise fahren nur wenige Menschen mit dem Zug um diese Zeit, aber es waren Massen an Fahrgästen, die dann in den Zug gedrängt haben. Ich musste sogar Sicherheitspersonal holen, das die Menschen wie in Japan in die Wagons gedrückt hat – aber am Ende war ich pünktlich.“

„Ich bin mal mit dem Intercity in den Norden gefahren und neben mir saß so ein aufdringlicher Herr. Er hat mir von seiner chinesischen Frau erzählt und dass sie in China lebt. Ich konnte ihn nicht mehr abschütteln. Er hat dann Verschwörungstheorien ausgepackt und über die chinesische Politik gesprochen. Ich hab dann nur noch gefragt: Wann steigen Sie aus?“

Ich begegne einem Zuggast, der mit einer Handpuppe spricht. Im Bordbistro unterhalte ich mich mit einem jungen Mann, da spricht er mit einem Mal in österreichischem Akzent – das ist seine Aufgabe. Plötzlich eine Durchsage: „Wir bitten alle Fahrgäste in das Lichttheater und wünschen eine angenehme Fahrt.“

Im Lichttheater stellt Andreas Leutkart den Kukav vor. Auch sein Vortrag hat keine klassische Form: Im japanischen „Pecha-Kucha“-Stil spricht er genau sechs Minuten und vierzig Sekunden. Dabei werden 20 Bilder jeweils genau 20 Sekunden an die Wand projiziert. Leutkart spricht über das Raumproblem, das der Verein hat: „Wir wollen Räumlichkeiten für eine Kulturkneipe, Tauschbörse, Nachbarschaftshilfe, Workshops und so weiter. Wir haben viele Ideen, aber keinen Raum.“

Die unterschiedlichen Interessen und Ideen der Mitglieder sind auch bei dieser Kunstaktion zu sehen: In der einen Ecke wird gezeichnet, es gibt eine offene Bühne für Musiker und syrisches Essen im Bordbistro, in einer anderen Ecke spielen Kinder Tischkicker und Tischtennis. Manche filmen und fotografieren, im Lichttheater läuft nach dem Vortrag ein Film. Überall bieten sich Möglichkeiten frei und kreativ Kontakt aufzunehmen. Dazu passt auch das zweideutige Motto der Aktion: „Du bist am Zug.“

Kukav steht für „Kulturkasten-Verein für interkulturellen Austausch“. Der Verein hat sich im Januar 2017 offiziell gegründet und hat rund 25 Mitglieder. Im Vorstand sind Thomas Stölben, Andreas Leutkart und Oliver Bandle. Ziel des Vereins ist, laut Leutkart, Menschen unterschiedlicher Hintergründe zusammenzubringen: „Egal welche Herkunft, Bildung oder soziales Umfeld. Wir wollen keine Grüppchenbildung.“ Die Kunstaktion im Gleis 0 soll die Auftaktveranstaltung des Vereins sein, sagt Leutkart. „Damit zeigen wir, dass wir da sind und was wir alles machen.“

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