„Kröten haben kaum Lobby“

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 Abenteuer Straßenüberquerung: Für Kröten und andere Amphibien endet der Weg über den Asphalt im Frühjahr oft tödlich. Griseldis
Abenteuer Straßenüberquerung: Für Kröten und andere Amphibien endet der Weg über den Asphalt im Frühjahr oft tödlich. Griseldis Steidle und das Ehepaar Elke und Uwe Schwartzkopf setzen sich schon seit 2003 für den Artenschutz und den Erhalt der Amphibien ein. (Foto: Patrick Pleul)
Schwäbische Zeitung

Die Wanderung von Erdkröten, Fröschen und Molchen hat begonnen. Jedes Jahr zur Frühjahrszeit wandern die Tiere zu ihren Laichgewässern. Ab fünf Grad Celcius und bei feuchter Witterung ist Mitte März die Hauptsaison. Die Tiere laufen in den frühen Morgen- und Abendstunden. Tagsüber sind keine Kröten unterwegs. Griseldis Steidle setzt sich im Krähenbachtal und Elke und Uwe Schwartzkopf im Rabental für den Artenschutz und den Erhalt der Amphibien ein. Unsere Praktikantin Julie Münster sprach mit ihnen.

Warum muss man Amphibien besonders schützen?

Steidle: Wie jedes andere Lebewesen gehören die Kröten in den Kreislauf dazu. Wenn der unterbrochen wird, dann stimmt das Verhältnis nicht mehr. Sie haben auch ihre Berechtigung. Sie sind Schädlingsbekämpfer.

E.Schwartzkopf: Sie fressen Kellerasseln und Spinnen und sind selbst Futter für andere Tiere, zum Beispiel Vögel.

Wo lauern Gefahren für die Tiere?

Steidle: Auf jeden Fall im Straßenverkehr. Aber auch die Landwirtschaft im Bächetal, die ab dem 1.März düngen darf. Beides, der künstliche und der Dünger durch Gülle sind natürlich schlecht. Auch das Streusalz verätzt die Haut. Und natürlich die Autofahrer selber, denn die Druckwelle, wenn sie den Tieren ausweichen, zerstört ihnen die Lunge.

E.Schwartzkopf: Dadurch sterben die Kröten später elendig. Also man muss wirklich langsam fahren, was man aber fast nie erlebt. Eigentlich wäre Schritttempo nötig, sodass sich das Luftpolster unter dem Auto schon gar nicht aufbaut.

U.Schwartzkopf: Die Amphibien haben genügend natürliche Feinde, da braucht es keine mechanischen.

Welche Auswirkungen gibt es auf den Straßenverkehr? Werden Straßen gesperrt?

Steidle: Ja, das ist in Möhringen im Krähenbachtal (Bächetal) der Fall. Das ist aber auch die einzige Schranke und Vollsperrung im Kreis und der Umweg stellt keine nennenswerte Zeitverzögerung dar. Nur zu der Uhrzeit, in der die Kröten wandern, abends von 19.30 bis 6 Uhr. Hier lässt sich auch kein Krötenzaun aufstellen, weil alles Hanglage ist.

U.Schwartzkopf: Sonst gibt es Tunnels bei der Bundesstraße in Dürbheim und Krötenzäune.

Gibt es auch Geschwindigkeitsbegrenzungen?

E.Schwartzkopf: Ja, wobei 50 km/h auch schon schnell ist.

U.Schwartzkopf: Im Heiligental in der Vorstadt ist eigentlich eine 30er-Zone und trotzdem werden dort hunderte Kröten überfahren. Das Problem ist sicherlich auch, dass die Leute die Kröten gar nicht sehen auf der Straße. Die Leute sind sich dessen nicht bewusst und deshalb ist es ganz wichtig, dass man sensibilisiert und Aufklärungsarbeit betreibt.

Wie wird die Straßensperrung von der Bevölkerung angenommen?

U.Schwartzkopf: Im Bächetal ist das riesiges Problem: Die Schranke wird jedes Jahr fünf bis zehn Mal abgerissen und demoliert. Und bis der Schlosser die Schranke dann repariert hat, ist die Straße zwei, drei Nächte gar nicht beschrankt. Das ist natürlich ein Chaos für die Kröten und ich kann die Autofahrer nicht verstehen, die nicht in der Lage sind, wenigstens vier Wochen lang nachts diesen Umweg zu fahren. Die Tiere haben sonst keine Chance. Im Bächetal sind das nicht wie in der Möhringer Vorstadt 1000 bis 2000 Kröten in der ganzen Saison, sondern da sind das an einem guten Abend mal tausend Tiere alleine.

Steidle: Da war letztes Jahr eine extrem kriminelle Energie beim Zerstören der Schranke. Das kann man sich nicht vorstellen. Es gibt Bilder auf dem Landratsamt. Und die Kosten für diese Zerstörung sind immens.

Steidle: Ich versuche auch zu vermitteln. Wenn ich zum Beispiel Schrankendienst habe und jemand kommt, dann erkläre ich es und versuche mit den Leuten ins Gespräch zu kommen warum wir das hier machen. Die meisten akzeptieren das auch und jeder müsste jetzt kapiert haben, dass Naturschutz einfach so wichtig ist.

E.Schwartzkopf schmunzelnd: Vielleicht wenn es lauter kleine Kätzchen wären. Kröten haben einfach kaum eine Lobby.

Was kann als Maßnahme, neben dem aktiven Sammeln der Kröten, dem Artensterben entgegenwirken?

E.Schwartzkopf: Wir haben jetzt einen Teich als Ausgleichsmaßnahme im Rabental. Da hoffen wir, dass sich dort auf Dauer eine Population ansiedelt und den Bestand einfach sichert. Trotz allem werden die Kröten immer noch wandern, die hier auf die Welt gekommen sind. Deshalb ist das Sammeln immer noch nötig. Der See ist auch schon angenommen worden, und es war schon einiges an Laich und Kaulquappen drin.

U.Schwartzkopf: Erstaunlicherweise gleich im ersten Jahr, da waren wir ganz überrascht. Normalerweise dauert es lang, bis sich da etwas Neues ansiedelt.

Von wem werden Sie unterstützt? Wer hilft ihm bei dem Projekt?

Steidle: Das sind vier oder fünf Ehepaare, die sich wochenweise beim Schrankendienst abwechseln. Die Schranke muss man natürlich aufmachen und wieder schließen und sich kümmern. Das funktioniert eigentlich gut, man muss sich natürlich absprechen und koordinieren. Es wäre natürlich schön, wenn man noch ein paar mehr Leute hätte, da alles sehr zeitintensiv ist.

U.Schwartzkopf: Wir haben einen schönen festen Kern von acht Leuten im Rabental, die helfen. Das ist eine gute Sache. Es gab auch schon Jahre, da haben meine Frau und ich alleine gesammelt. Wir haben auch eine WhatsApp-Gruppe, wenn wir abends Hilfe brauchen. Das Landratsamt unterstützt uns auch mit einigen Maßnahmen. Dieses Jahr bauen sie zum Beispiel den Krötenzaun auf. Das ist schon immer ein großer Act und Plackerei. Das Landratsamt fragt natürlich auch immer die Statistiken ab. Unsere Sammelstelle ist eine der wichtigsten zehn Schwerpunktstellen in ganz Baden-Württemberg.

Was für eine Resonanz gibt es von Außenstehenden auf die Hilfsaktion?

U.Schwartzkopf: Die wird bei uns von Jahr zu Jahr immer besser. Es kamen schon Leute aus der Möhringer Vorstadt mit zwei Kröten im Eimer zu uns. Andere sagen, dass im Kellerschacht eine Kröte sitzt und was sie denn machen sollen. Das haben wir am Anfang nicht so gehabt. Da sind wir eher angefeindet und belächelt worden.

Steidle: Das ist bei uns anders, denn wir sind außerhalb vom Ort. Der Kontakt zu den Leuten findet gar nicht so statt. Die Schranke wird jedes Jahr kaputt gemacht. Anfangs hörte man „die Krötentante da“, weil die Leute die Dinge einfach noch nicht begreifen. Aber dadurch, dass inzwischen nicht mehr viel Negatives aus der Bevölkerung kommt, ist das für uns schon positiv.

U.Schwartzkopf: Das Thema Artenschutz ist ja doch immer mehr in den Köpfen der Menschen drin. Das hilft uns natürlich. Wobei es immer wieder Unverbesserliche gibt: Wenn man an der Straße mit Warnweste und Taschenlampe langläuft, dann gibt jemand extra noch Gas oder hupt, dass man vor Schreck fast in den Graben fällt.

Wo können sich interessierte Helfer melden?

U.Schwartzkopf: Man kann sich an die untere Naturschutzbehörde im Landratsamt wenden.Wir haben auch eine Facebook Seite „Erdkröten Rettung Rabental“. Dort werden in der Saison fast jeden Tag Updates gepostet, wie viele Kröten wir gesammelt haben...

E.Schwarztkopf: ...und auch mal Schockbilder.

U.Schwartzkopf: Wir sind relativ gut aufgestellt, aber da gibt es Stellen, da laufen auch zwischen 1000 und 2000 Kröten und sind bloß zu zweit oder ganz alleine. Bei Emmingen-Liptingen an dem Sportplatz oder bei Hintschingen. Man kann sich an die untere Naturschutzbehörde im Landratsamt wenden.

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