„Junge Leute wählen eher kleine Parteien“

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Proben für den Ernstfall: Die Schüler der Fritz-Erler-Schule geben bei der Juniorwahl ihre Stimme ab - Volljährigkeit spielt dab (Foto: Kaan Heck)
Schwäbische Zeitung
Kaan Heck

Als Rainer Lauk-Graf, Gemeinschaftskunde-Lehrer an der Fritz-Erler-Schule Tuttlingen, an diesem Morgen das Zimmer einer elften Klasse betritt, kommt plötzlich gespannte Unruhe auf. „Oh, wir müssen heute wählen“, ruft ein Schüler aus der zweiten Reihe, als er sieht, wie die beiden „Wahlhelferinnen“, Elena Schelling und Samantha Stach, eine Urne aufstellen und zwei provisorische Wahlkabinen errichten. Es ist der Tag der Juniorwahl und so dürfen alle Schüler, egal ob volljährig oder nicht, ihrer politischen Meinung Ausdruck verleihen.

„Am Anfang dachte ich, es wäre ganz leicht“, sagt der 17-jährige Novak Pajovic, nachdem er sich in der Wahlkabine plötzlich nicht mehr sicher war, wen oder welche Partei er wählen sollte. Auch sein Klassenkamerad Pascal Diekmeier gibt zu, das persönliche Befinden beim Urnengang sei eher „befremdlich“ gewesen. Die gefühlte Verantwortung unter den Schülern ist groß, und Diekmeier macht sich hinterher noch einmal bewusst: „Wäre das eine echte Wahl gewesen, hätte ich tatsächlich die Politik beeinflusst.“

„Einzige Chance in der Politik mitzureden“

Und auch, wenn die Juniorwahl keinen messbaren Effekt auf die Bundestagswahl am 22. September haben wird, die Schüler nehmen ihre Sache ernst. Auf authentischen Wahlscheinen machen sie ihre beiden Kreuze für Erst- und Zweitstimme und so von ihrem „Wahlrecht“ Gebrauch. Dass jeder, der darf, am Sonntag auch wählen gehen sollte – darüber sind sich die Schüler einig. Schließlich sei das Wahlrecht doch so ziemlich „die einzige Chance, in der Politik mitzureden“, sagt die 16-jährige Sabrina Stehle.

Lehrer Lauk-Graf ist überzeugt vom Konzept der Juniorwahl. Als Fachleiter in Gemeinschaftskunde hat er die Fritz-Erler-Schule via Internet für die Teilnahme an der Aktion angemeldet. Bereits vor den Sommerferien wurde das Thema Bundestagswahl in den Unterricht integriert, die Schüler wurden mit Informationen versorgt und auf den Wahlgang vorbereitet. „Letzte Woche habe ich allen meinen Schülern nochmal geraten, den Wahl-O-Mat zu benutzen“, sagt Lauk-Graf und erklärt die sichtbare Tendenz zu linksorientierten Parteien: „Vor allem das Thema ,Soziale Gerechtigkeit‘ spielt für die Jugendlichen eine besonders große Rolle.“

Die Juniorwahl hat übrigens durchaus Relevanz für die Politik. Die Aktion läuft bundesweit und die Ergebnisse aller teilnehmen Schulen werden veröffentlicht. Wenn die deutschen Parteien also wissen wollen, wie die Wähler von morgen entscheiden würden, dann lohnt ein Blick auf die Internetseite www.juniorwahl.de . Dass sich die Ergebnisse der Juniorwahl deutlich von denen der Bundestagswahl unterscheiden werden, glaubt der Schüler Dirk Dodenhöft: „Junge Leute wählen eher kleine Parteien, nicht unbedingt CDU oder SPD.“

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