Junge Flüchtlinge auf dem Weg in die Selbstständigkeit

Lesedauer: 6 Min

Die Wohngruppe im Tuttlinger Bahnhof: Anfang 2016 fand auch der Unterricht im Bahnhof statt, mittlerweile besuchen alle UMA die
Die Wohngruppe im Tuttlinger Bahnhof: Anfang 2016 fand auch der Unterricht im Bahnhof statt, mittlerweile besuchen alle UMA die Schule, eine Qualifizierungsmaßnahme oder machten eine Ausbildung. (Foto: Archiv- Ingeborg Wagner)

79 unbegleitete minderjährige Ausländer – kurz UMA – leben derzeit im Landkreis Tuttlingen. Bis auf zwei, die bei Verwandten untergebracht sind, werden sie von der Jugendhilfeeinrichtung Mutpol betreut. Ziel ist es, die Jugendlichen zu einem selbstständigen Leben zu bringen. Die meisten könnten gut Deutsch, etliche würden demnächst die Schule abschließen. Einige hätten bereits Lehrstellen, und einer studiere, erklärte Petra Bäßler, Bereichsleiterin für die UMA bei Mutpol.

Passend zum Thema fand die Sitzung des Kreistagsausschusses für Familie, Kinder und Jugend am Dienstagabend bei Mutpol statt. Auch, weil der Sitzungssaal des Landratsamtes gerade renoviert wird, wie Nadja Seibert, Sprecherin des Landratsamts erklärte: „Die Medientechnik im Sitzungssaal wird erneuert.“ Dabei werden die Präsentationstechnik sowie die Diskussionsanlage auf den neuesten Stand gebracht.

In Vereinen integriert

57 der UMA im Kreis sind über 18 Jahre, 22 darunter. Der Anspruch auf Jugendhilfe geht bis zum Alter von 21 Jahren, wenn der junge Mensch das so will, führte Petra Bäßler aus.

In enger Abstimmung mit dem Kreisjugendamt schauen die Mutpol-Mitarbeiter bei jedem Jugendlichen, was er brauche. Die unter 16-Jährigen bekämen ein enges Setting in Wohngruppen. Die älteren lebten in Zweier- oder Dreier-WGs im Stadtgebiet Tuttlingen, manche auch alleine, und würden immer weniger betreut. Sie müssten sich selbst managen: um ihr Geld kümmern, den Haushalt machen, Wäsche waschen, die Tagesstruktur auf die Reihe bekommen.

„Vereinsamen tut niemand“, betonte Bäßler. Die meisten seien in Vereinen integriert – „Fußball“ – auch bestehe vielfach Kontakt zum Jugendkulturzentrum Jukuz.

Bei vielen UMA im Kreis Tuttlingen rücke das 21. Lebensjahr näher. „Dieser Übergang wird nochmal spannend“, betonte sie. Mutpol kooperiere deshalb mit dem Jobcenter und dem Amt für Aufenthalt und Integration des Landratsamtes, um diesen Sprung zu erleichtern.

Kreisrat Bernhard Schnee (CDU) fragte nach der Bleibeperspektive der jungen Flüchtlinge. Allen UMA sei geraten worden, sich einen Anwalt zu nehmen, entgegnete Bäßler. Teilweise seien die Asylanträge beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) schon entschieden worden. Etliche hätten subsidiären Schutz erhalten, einige Anträge seien auch abgelehnt worden. „Und natürlich gibt es Auffälligkeiten“, so Bäßler auf eine weitere Frage Schnees. Von den 79 UMA zeigten fünf, sechs mangelnde Kooperationsbereitschaft und Mitarbeit. Um dieses Verhalten nicht ausufern zu lassen, sei sie in engem Kontakt mit Jugendamt, auch Polizei und Kommunalem Ordnungsdienst der Stadt Tuttlingen. „Sie bekommen immer wieder eine Chance“, sagte die Bereichsleiterin über die Sorgenkinder.

Hans Roll (CDU) fragte nach der Altersbestimmung. Da sei man vielfach auf Schätzungen angewiesen, heißt es. „Auffallend ist, dass etwa ein Drittel unserer UMA am 1. Januar geboren ist“, führte Sozialdezernent Bernd Mager aus. Das heißt, dass die angegebenen Geburtsdaten wohl nicht immer ganz korrekt seien. Mitarbeiter des Jugendamts würden nachhaken, wenn die Altersangabe nicht plausibel erscheine. Vielfach sei die Altersbestimmung aber schon getroffen worden, bevor die Jugendlichen in den Kreis Tuttlingen gekommen seien.

„In fünf Fällen hat sich herausgestellt, dass das Alter falsch war“, so Reinhard Günther, stellvertretender Leiter des Kreisjugendamts. Ein UMA habe das selbst zugegeben. Ihm sei als angeblich unter 18-Jähriger die Betreuung etwas zu umfassend gewesen.

Vor Extremsituation gestanden

180 UMA sind von 2015 bis heute im Landkreis Tuttlingen angekommen, führte Günther aus, knapp 100 zu Spitzenzeiten. Der größte Teil, rund 30 Prozent, flüchtete aus Syrien. Afghanen, Somalier und Eritreer bilden die nächstgrößeren Gruppen. Sie alle mussten untergebracht, versorgt, betreut, registriert werden. „Das war eine extreme Situation, von der man hofft, dass man nicht mehr in eine solche Lage kommt“, sagte der Erste Landesbeamte, Stefan Helbig, im Rückblick. „Ohne Mutpol hätte das nicht funktioniert. Wir waren dankbar, dass wir eine Struktur hatten, auf die wir zurückgreifen konnten“, betonte er.

Die Kosten für die UMA würden eins zu eins vom Land getragen. Von 2017 bis heute seien rund 9,2 Millionen Euro an Kosten entstanden, von denen das Land sieben Millionen erstatte habe. Die übrigen 2,2 Millionen Euro würden noch ausstehen, erklärte Günther.

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen