Immer mehr Menschen können sich Beerdigung nicht leisten

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Jedes Baumgrab hat eine Plakette mit einer Nummer und eine Tafel mit bis zu acht Namen von Verstorbenen.
Jedes Baumgrab hat eine Plakette mit einer Nummer und eine Tafel mit bis zu acht Namen von Verstorbenen. (Foto: Corinna Krüger)

Wenn ein Mensch stirbt, gibt es in der Regel eine Trauerfeier, der Leichnam wird auf dem Friedhof beigesetzt, auf das Grab ein Gedenkstein gesetzt. Doch all das kostet Geld. Wenn das der Nachlass nicht hergibt und es keine Angehörigen gibt, die die Kosten übernehmen können oder wollen, muss die Stadt einspringen. Das passiert in den letzten Jahren immer öfter.

Es sind schlichte Plaketten an einem Baum auf dem Tuttlinger Friedhof, die an die Verstorbenen erinnern sollen. Einige dieser Baumgräber hat die Stadt Tuttlingen bezahlt – weil es niemand anderes getan hat.

Wenn keine Angehörigen da sind

Die sogenannte Bestattung von Amts wegen wird von der Ortspolizeibehörde angeordnet, wenn der Bestattungspflichtige – in der Regel ein Angehöriger – nicht oder nicht rechtzeitig für die Bestattung sorgt oder es keinen Bestattungspflichtigen gibt. Dann muss die Stadt die Kosten zunächst übernehmen. Wenn es Bestattungspflichtige gibt, werden diese unter Umständen später zum Kostenersatz herangezogen – das gelingt aber nicht immer. Denn entweder haben Angehörige selbst kein Geld oder es gibt gar niemanden aus der Familie mehr. Aber es gibt noch ein weiteres Phänomen: So manche Angehörige treten das Erbe des Verstorbenen gar nicht erst an – zum Beispiel, weil der Verstorbene verschuldet ist. Dann entfällt die Verpflichtung, für die Bestattung aufzukommen.

„Das sind die gesellschaftlichen Entwicklungen, die sich an solchen Dingen ablesen lassen“, sagt Doris Mehren-Greuter vom Arbeitskreis Armut und Leiterin der Wohnungslosenhilfe der Arbeiterwohlfahrt (AWO). „Die Zahlen werden in Zukunft sicherlich weiter steigen.“ Eine Auswirkung von Altersarmut und der zunehmenden Einsamkeit von älteren Menschen.

Trauerfeier auf Spendenbasis

Teilweise organisieren die Helfer der AWO Trauerfeiern in Eigenregie, Mieten die Aussegnungshalle an, um den Verstorbenen einen würdevollen Abschied zu bereiten. Finanziert aus Spendengeldern. „Es ist schön, dass wir dann dabei sein können“, sagt Mehren-Greuter.

Während 2017 in Tuttlingen 18 Menschen auf Kosten der Stadt beerdigt wurden, sind es im November 2018 bereits genauso viele Fälle. Es sind keine astronomisch hohen Zahlen, doch die Tendenz ist nach Ansicht der Stadtverwaltung eindeutig. Immer mehr Menschen können sich die eigene Beerdigung oder die von Angehörigen nicht leisten. „Die Zahlen sind in der Vergangenheit gestiegen“, sagt auch Arno Specht, Sprecher der Stadt Tuttlingen. Deswegen hat die Verwaltung auch den Etat für das kommende Jahr für diesen Posten aufgestockt. Für das Jahr 2019 hat die Stadtverwaltung insgesamt 37 000 Euro für Bestattungen eingeplant.

Zwischen 2000 und 2500 Euro kostet eine Feuerbestattung und ein Baumgrab die Stadtverwaltung – in Einzelfällen könne der Betrag aber auch höher ausfallen. Seit einiger Zeit hat die Stadt davon Abstand genommen, die Verstorbenen nur anonym zu bestatten. Mittlerweile erinnern Namensplaketten an Baumgräbern an die Menschen. „Das kostet ein bisschen mehr, ist aber im Interesse der Würde der Verstorbenen“, sagt Specht. „Da kommt es nicht auf jeden Euro an.“

Das begrüßt auch Doris Mehren-Greuter von der AWO: „Man kann in der heutigen Gesellschaft einfach verschwinden. So bleibt von den Menschen wenigstens der Name übrig.“

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