„Ich habe mich zwei Drittel meines Lebens versteckt“

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Auch wenn Passanten "Transe" rufen: Franziska Jung scheut sich nicht mehr, in Perücke und Frauenkleidern auf die Straße zu gehen (Foto: Dorothea Hecht)
Schwäbische Zeitung

Wenn sie zu lange darüber nachdenkt, ärgert sie sich nur. Warum ist nur so viel dafür nötig, damit Franziska Jung endlich die sein kann, die sie gerne wäre? Mehreren ärztlichen Untersuchungen muss sie sich unterziehen, einen psychologischen Test absolvieren und eine Therapie machen.

Und dann kostet diese Operation, die sie vom Mann zur Frau werden lässt, auch noch 15 000 bis 20 000 Euro. Ob die Krankenkasse das bezahlt? Sie zuckt die Schultern. „Wenn ich das nur schon wüsste.“

Dabei ist diese Operation, die Geschlechtsumwandlung, oder offiziell „geschlechtsangleichende Operation“, eigentlich nur Formsache, die körperliche Vollendung sozusagen. Im Kopf, im Geist, im Gefühl ist Franziska Jung längst eine Frau. Und sie scheut sich inzwischen nicht mehr, es auch nach außen zu zeigen: „Ich hab mehrere Schränke voller Klamotten“, sagt sie. Strumpfhosen, Blusen, enge Röcke und vor allem: hochhackige Schuhe.

Kaum Verständnis in der Familie

Es ist gar nicht lange her, drei Jahre vielleicht, da hätte sie sich in diesem Outfit nicht auf die Straße getraut. Höchstens abends, in der Dunkelheit. Dabei hat sie schon im Alter von zehn Jahren die Klamotten ihrer Mutter und ihrer Schwester angezogen – was der Familie nicht passte. „So darfst du nicht runterkommen“, sagte die Mutter sofort und verwies sie zurück ins Schlafzimmer.

Bis heute kann ein Großteil ihrer Familie nicht verstehen, dass sie nach außen zwar aussieht wie ein Mann, innerlich aber eine Frau ist. Transsexuelle nennt man Leute wie Franziska Jung generell. Auf der Straße werden ihr auch andere Wörter nachgerufen: „Transe“ ist vielleicht das harmloseste, „Schwuchtel“ ist auch gerne mal dabei. „Dabei bin ich doch gar nicht schwul“, sagt Franziska Jung entnervt. „Das sind zwei völlig unterschiedliche Dinge.“

Sexuell weiß sie selber nicht, wo sie hingehört, sagt sie. Sie hat eine Freundin und die unterstützt sie in allem, das sei erst einmal das Wichtigste. Werden ihr Schimpfwörter nachgerufen, dann ignoriert sie sie eben. „Außer jemand will es wirklich wissen und interessiert sich ernsthaft für mich, dann rede ich auch gerne mit ihm“, sagt sie.

Bunter Lebensweg

Dieses Jahr feiert sie ihren 50. Geburtstag. Sie hat einen bunten Lebensweg hinter sich, machte zunächst eine Ausbildung zur Landschaftsgärtnerin, war vier Jahre bei der Bundeswehr, arbeitete später in der Molkerei, im Fast-Food-Restaurant und auf dem Tuttlinger Wochenmarkt. Die meisten kannten sie da unter dem Namen Olaf. „Zwei Drittel meines Lebens habe ich unterdrückt, wie ich wirklich bin“, sagt sie rückblickend. Ihre Laune habe sich deshalb konstant verschlechtert, vor drei Jahren dann das Coming-Out.

Heute will sie sich vor niemandem mehr verstecken, egal, ob andere ihr Aussehen akzeptieren oder nicht. Im Internet hat sie Gleichgesinnte kennengelernt, auch in Tuttlingen ist ihr schon eine Frau begegnet, die bereits eine Geschlechtsumwandlung hinter sich hat. Und sie hat einen guten Schuster in Tuttlingen gefunden. Einer, der ohne zu frage, gelegentlich einen abgebrochenen Absatz repariert. „Da bin ich eitel“, gibt sie zu.

Jetzt müsste nur noch eins klappen: die Operation. Aber bei „all den Vorschriften und Gesetzen“ ist sie realistisch genug zu wissen, dass der Termin sich noch eine ganze Weile hinziehen wird.

Endnote:

Franziska Jung erzählt ihre Geschichte am Donnerstag, 21. März, ab 19 Uhr in Stiefels Buchladen unter dem Titel „Hau ab, du Schwuchtel“.

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