Helfer stoßen an ihre Grenzen

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Auch mit den Themen Einsamkeit und Alleinsein im Alter beschäftigen sich die Mitarbeiterinnen des Tuttlinger Seniorenbüros.
Auch mit den Themen Einsamkeit und Alleinsein im Alter beschäftigen sich die Mitarbeiterinnen des Tuttlinger Seniorenbüros. (Foto: Bodo Marks/DPA)
Claudia Steckeler

Bei der Sitzung des Seniorenbeirats des Tuttlinger Gemeinderats am Dienstagnachmittag hat es Ramona Storz vom Seniorenbüro der Stadt auf den Punkt gebracht: Neben den positiven Aspekten wie dem Seniorenpass, der Zusammenarbeit mit dem Mehrgenerationenhaus, vielen Vereinen und Institutionen und den erweiterten Angeboten für die Senioren gibt es auch eine negative Entwicklung. Für die drei Mitarbeiterinnen des Seniorenbüros nimmt die Beratungstätigkeit immer mehr zu und wird immer intensiver. Sie stoßen oft an ihre Grenzen.

„Altersarmut, Trauer, Alkohol und Einsamkeit – es gibt immer mehr Menschen, die Begleitung, Unterstützung und Pflege benötigen“, erklärte Ramona Storz. Die Situation habe sich in den zurückliegenden ein bis zwei Jahren deutlich verstärkt. „Wir haben eine deutliche Zunahme von Angehörigen, die an Demenz erkrankte Personen zuhause versorgen, oder eigenständig lebende, die an Demenz erkrankt sind. Dazu kommen immer mehr psychisch erkrankte sowie unter Depressionen leiden-de ältere Personen “, stellte sie fest.

Die Dienstleistungsbereitschaft anderer Stellen, Banken zum Beispiel, lasse oft zu wünschen übrig, so dass sich die Hilfesuchenden an das Seniorenbüro wenden würden. „Es gibt einfach zu wenige Anlaufstellen für problematische Fälle“, meinte Ramona Storz. Die Beratung sei deshalb oft zeitintensiv, so dass andere Hilfesuchende warten oder sogar weggeschickt werden müssten. „Wir begleiten Senioren oft über Jahre hinweg und machen auch Hausbesuche. Wir machen diese Arbeit sehr gern, müssen aber zugeben, dass wir immer wieder an unsere Grenzen stoßen“, betonte Ramona Storz.

Viele Angebote im Programm

„Allgemeine Dienstleistungen wie man sie sich wünscht gibt es in der Zeit der Digitalisierung nicht mehr, sie werden abgebaut“, bemerkte Tuttlingens Oberbürgermeister Michael Beck und sprach den Frauen des Seniorenbüros angesichts ihres Engagements und Einsatzes ein „dickes Lob“ aus. Auch hinsichtlich des Projektes „Aktiv und gesund – gerne und selbstbestimmt älter werden in Tuttlingen“, zu dem Michaela Katz einen Überblick über die bisherigen Aktionen gab: unter anderem Expertentage mit alten und neuen Kooperationspartnern, Info- und Aktionstage mit Workshops, Vorträgen und aktiver Beteiligung der Teilnehmer, mit zahlreichen Einzelveranstaltungen wie Gedächtnistraining, Vorträge zu Homöopathie, Vorsorgemöglichkeiten, oder Fortbildungslehrgänge für Ehrenamtliche. Aber auch mehrtägige Veranstaltungen wie ein Rollator-Kurs sowie ein Spaziertreffen mehrmals pro Woche in Kooperation mit der Caritas und der AOK werden angeboten.

„Vorrangiges Ziel ist dabei die Prävention, die Gesundheitsförderung, die Stärkung der gesundheitlichen Ressourcen von Senioren“, erklärte Michaela Katz. „Viele kommen regelmäßig, und wir konnten schon neue Senioren erreichen und für uns gewinnen. Alle Angebote sind bisher kostenfrei“, stellte Katz fest.

Entspannte Atmosphäre

Schirmherrin des Projektes, Stadträtin Dr. Cornelia Seiterich-Stegmann, hob die unkomplizierte, entspannte Atmosphäre der Angebote hervor, die alle dazu einlade, zu kommen und ihnen vermittle, dass sie eine wichtige und willkommene Bevölkerungsgruppe der Stadt seien. „Bei diesen Angeboten handelt es sich um Primär-Prävention, um vorbeugende Maßnahmen. Bewegung, Animation zur Bewegung und vernünftige Ernährung zeigen eine gesundheitliche und gesundheitspolitische Wirkung“, sagte die Ärztin.

Für den Herbst sind laut Michaela Katz eine Betriebsbesichtigung bei Orthopädie Müller und eine kulinarische Lesung mit „Oma Heidi“, die kocht, vorliest und Geschichten erzählt, geplant. Außerdem sollen in Zukunft alle ein bis zwei Monate Einzelangebote stattfinden sowie fortlaufende Angebote wie ein „Trittsicher-Kurs“ zur Sturzprophylaxe und Schulungen von Ehrenamtlichen.

Neuer Seniorenwegweise

Die erste Auflage des Seniorenwegweisers für Tuttlingen ist fast vergriffen. Deshalb kommt im November eine aktualisierte Auflage heraus. Das teilte Ramona Storz vom Seniorenbüro der Stadt Tuttlingen den Mitgliedern des Seniorenbeirats am Dienstag mit. In den neuen Leitfaden, den Wegweiser und die Orientierungshilfe für das alltägliche Leben, sollen nicht nur die Dateien aller bisher Beteiligten aktualisiert werden, sondern auch neue Angebote wie die Nachbarschaftshilfe in Möhringen und Eßlingen aufgenommen werden.

Wolfgang Wuchner (CDU) bat darum, dem Thema „Vorsorgevollmacht und Patientenverfügung“ mehr Raum zur Verfügung zu stellen und es besser darzustellen. Er wollte wissen, ob beim Seniorenbüro die Nachfrage nach Kurzzeitpflegeplätzen steige, und ob es im neuen Pfauenareal weitere Plätze geben würde. „Wir werden von pflegenden Angehörigen verstärkt angefragt und wenden uns meist direkt an die Heime, in schweren Fällen an die Pflegestützpunkte“, antwortete Ramona Storz. Zum Pfauenareals informierte sie darüber, dass dieses bedingt durch einen Wasserschaden nicht wie geplant zum Juni offiziell eröffnen konnte. „Die Leitung hat jedoch erklärt, dass sie nun zunächst die Kurzzeitpflegeplätze belegen werden, die bereits angemeldet sind, damit die Angehörigen ihren Urlaub wahrnehmen können. Danach werden dann Zug um Zug die Heimplätze belegt.“

Auf eine weitere Anfrage erklärte Ramona Storz, dass sich das Netzwerk „Senioren“ hauptsächlich auf einsame Menschen beschränkt. „Im Moment haben wir 40 Ehrenamtliche, die 40 Personen besuchen. Das ist aber eine reine Begleitung, keine Pflege“ bemerkte sie und wies darauf hin, dass sie Ehrenamtliche ohne eine besondere Ausbildung nicht in jedem Haushalt einsetzen könne.

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