Hans Scholl: Widersprüche und Brüche

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Robert Zoske
Robert Zoske (Foto: Frederika Hoffmann)
Schwäbische Zeitung

Robert M. Zoske: „Flamme sein! - Hans Scholl und die Weiße Rose“. Verlag C.H.Beck., München, 2018. 368 Seiten. 26.95 Euro.

Sie gelten nach wie vor als leuchtende Beispiele für den Widerstand gegen Hitlerdeutschland: Hans und Sophie Scholl. Fast immer werden sie als Geschwister wahrgenommen, auch die nach ihnen – erst vor kurzem – benannte Straße in Tuttlingen heißt „Geschwister-Scholl-Straße“. Der Theologe Robert M. Zoske konzentriert sich jetzt in seinem Buch „Flamme sein!“ auf das Individuum Hans Scholl.

Und das eröffnet den nüchtern, ja trocken-historisch geeichten Blick auf einen faszinierenden, durchaus seltsamen Menschen, der hier weniger als Mitglied einer Gruppe namens Weiße Rose daherkommt, sondern als einzelne Person mit vielen Widersprüchen und Brüchen in seiner Biografie. Die so brutal endete, als er 1943, gerade einmal 24 Jahre alt von den Nazis unters Fallbeil geschickt wurde. Das Protokoll vermerkte knapp die Uhrzeit 17.02 Uhr, als der Scharfrichter die „Fallschwertmaschine“ auslöste.

Mit Hans Scholl – seine Schwester Sophie wurde zwei Minuten zuvor enthauptet, sein Freund und Mitstreiter Christoph Probst drei Minuten nach ihm – starb ein junger Mann, der nur wenige Jahre vorher noch für Hitler und die Nazis geschwärmt hatte, der einen Krieg als reinigendes Erlebnis herbeigesehnt hatte, der nationalistisch dachte und seine Notizen, Briefe und Tagebücher in einem pathetischen Deutsch verfasst hatte. Der für die Verse eines Stefan George schwärmte und selber Gedichte in dessen Duktus verfasste, mit all diesen aufdringlichen Metaphern, die immer wieder die Flamme herbeizitieren, die Zoske Buch jetzt den Titel gab. Man wollte eben eine „Flamme sein“, sich verzehren, brennen.

Gleichzeitig war Hans Scholl, der aus einem protestantisch-liberalen Elternhaus im Schwäbischen stammte, mit dem Führerstaat bereits 1938 in Konflikt gekommen – die Anklage lautete auf widernatürliche Unzucht mit Abhängigen. Der Teenager war homosexuell, vielleicht auch bisexuell, was sich später in mehreren Beziehungen zu Frauen äußerte. Scholl war einerseits Mitglied in der HJ, Fähnleinführer sogar, und ebenso Mitglied in der bündischen Jugend, die von den Nazis verachtet wurde. Vor Gericht kam der junge Mann nur deshalb davon, weil er auf einen milden Richter traf. Kurze Zeit ist er Soldat und sehnt einen Fronteinsatz herbei.

Vom Nazisympathisanten zum entschlossenen Gegner

Zoske arbeitet diese Widersprüche, die Verwicklungen und Gefährdungen kleinteilig heraus und stützt sich dabei auf Dokumente, die bisher weitgehend unbekannt oder unbeachtet waren. So fand er zahlreiche Dokumente und Selbstzeugnisse Hans Scholls im Nachlass dessen älterer Schwester, Inge Aicher-Scholl, die diese „Familiengeheimnisse“ sorgsam gehütet hatte – handschriftliche Briefe, Lyrik, Aphorismen und vieles mehr. Nicht zuletzt diese Lebenskrise, an der der junge Mann litt, ließ ihn vom Nazisympathisanten zum entschlossenen Gegner werden, der seine Motivation vor allem aus dem christlichen Glauben schöpfte.

Vor dem inneren Auge des Lesers lässt Robert M. Zoske, bis 2017 Pastor in Hamburg, das Bild einer zerrissenen Persönlichkeit entstehen, die am Ende dem tobenden und geifernden Nazirichter Freisler ruhig gegenüber steht und gefasst in den Tod geht. Seine letzte Worte lauteten: Es lebe die Freiheit. Der Staatsanwalt setzte im Protokoll noch einen Punkt (kein Ausrufezeichen!) an den Ende des Satzes und fügte ebenso handschriftlich Anführungszeichen davor und danach ein.

An seine Biografie hängt Zoske auch sämtliche Gedichte Scholls sowie die Originaltexte der Flugblätter der Weißen Rose an; mehr als 50 Seiten mit Recherche- und Quellenhinweisen zeigen auf, wie akribisch Zoskes Forschungsarbeit war.

Robert M. Zoske: „Flamme sein! - Hans Scholl und die Weiße Rose“. Verlag C.H.Beck., München, 2018. 368 Seiten. 26.95 Euro.

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