Großer Andrang bei Islam-Debatte

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Viele Zuhörer beim Vortrag.
Viele Zuhörer beim Vortrag. (Foto: Kornelia Hörburger)
Schwäbische Zeitung
Kornelia Hörburger

„Jugendkulturen zwischen Islam und Islamismus“ – zu diesem hochaktuellen Thema hatten das türkische Kulturzentrum Feza und das Polizeipräsidium Tuttlingen mit Asli Kücük eine Referentin der Landeszentrale für politische Bildung ins Evangelische Gemeindehaus eingeladen.

Um es vorweg zu sagen: Patentrezepte gegen die Radikalisierung Jugendlicher standen nicht auf dem Programm. „Wenn Jugendliche erst einmal ideologisiert sind, braucht es ein ganzes Team von speziell ausgebildeten Fachleuten, um sie wieder zu entradikalisieren“, erklärte Asli Kücük. Die Islamwissenschaftlerin aus Tübingen hatte sich Prävention durch Information mit ihrem zündenden Vortrag zum Ziel gemacht. Vor 70 Interessierten zeigte sie das Spannungsfeld zwischen zwei Kulturen auf, das auf muslimische Jugendliche in einer Lebensphase der Sinnsuche und Orientierung einwirkt. Und sie grenzte Islam als Religion vom Islamismus ab, der die Religion für extremistische politische Ziele instrumentalisiere.

Muslime übten ihre Glaubenspraxis heute in einem Spektrum zwischen streng traditionell und sehr liberal aus, je nachdem, welchen verschiedenen Strömungen sie zugehörig seien und welchen Rechtsschulen sie folgen. „Es gibt nicht den Islam oder die Muslime“, lautete Kücüks Fazit.

Einheitlicher seien die Erfahrungen, die viele muslimische Jugendliche ausgrenzten und wütend machten. Die Referentin nannte Diskriminierung in Deutschland Geborener als „Fremde“ und ein in ganz Europa verbreiteter Generalverdacht, Terrorist zu sein. Das Leben im häufig wertkonservativen Familienverband mit festen, hierarchischen Strukturen fordere einen Spagat zwischen zwei Kulturen, bei dem auch Moscheegemeinden mit „Import“-Imamen, die oft nur wenig mit dem Leben in Deutschland vertraut seien, kaum Hilfe bieten könnten.

„Jugendliche Muslime sind keine Islamisten!“ betonte Kücük. Doch auch junge Muslime suchten in der Pubertät im Internet nach Orientierung und stießen dabei auf salafistische Laienprediger wie Pierre Vogel oder Sven Lau (Abu Adam). Sie hätten dort nicht nur scheinbar einfache Lösungen für politische und theologische Fragen parat, sie versprächen vielmehr – verpackt in jugendgerechte Sprache – Hilfe in allen Lebenslagen. Alle böten sie an: Wahrheit, Wissen, Orientierung, Gemeinschaft und Gerechtigkeit. Gepaart mit „Gehorsam“, erfolge aus dem Kreis der so Aquirierten die Rekrutierung für den IS.

Die Referentin sieht nur die Sensibilisierung als allgemeine Präventionsmöglichkeit bei gefährdeten Gruppen. Sie empfahl, sich bei konkretem Verdacht professionelle Hilfe zu holen und die wertschätzende Kommunikation nicht abreißen zu lassen.

Großer Andrang

Weder Referentin noch die Veranstalter hatten an diesem heißen Sommerabend mit solch einem Andrang gerechnet. Ganz schnell mussten noch zusätzliche Stühle herbeigeholt werden. Zugehört hatten junge Erwachsene, Mütter und Väter verschiedener Nationalitäten und auch Menschen, die am Arbeitsplatz mit der Problematik in Kontakt kommen, wie Erzieher oder Polizisten.

In der sehr sachlichen Diskussionsrunde moderierte neben Asli Kücük auch Michael Ilg vom Polizeipräsidium Tuttlingen Fragen zur Rechtmäßigkeit von Internetauftritten salafistischer Gruppen, aber auch zur Diskussionspraxis in türkischen Familien und zu den sozialen Auswirkungen der Kopftuch-Frage bei Schülerinnen.

Asli Kücük gehört dem „Team meX“ der Landeszentrale für Politische Bildung an. Die Mitarbeiter sind mit Vorträgen und Projekten zum Thema „Mit Zivilcourage gegen Extremismus“ unterwegs. Sie nannte Beratungsstellen, an die sich Betroffene wenden können: Violence Prevention Network, BAMF, Inside Out, tgbw, Jugendstiftung Baden-Württemberg.

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