„Gesundheit im digitalen Zeitalter wird in Tuttlingen bereits gelebt“

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Ein Mann hat eine VR auf
Die Digitalisierung läuft: Innenminister Thomas Strobl hat die Chancen der Digitalisierung erkannt und will durch das Digital-Festival in Tuttlingen Ängste abbauen und Chancen aufzeigen. (Foto: Steffen Schmid)
Schwäbische Zeitung

In sechs Tagen gastiert das Landesfestival digital@bw in Tuttlingen. Thomas Strobl, Landesinnenminister und Schirmherr der Veranstaltung, hat auf die Fragen von Redakteur Matthias Jansen geantwortet und berichtet, was die Menschen am Freitag, 19. Juli, erwarten können, in welchen Maß in die Digitalisierung investiert wird und wie sehr dies bereits im Landkreis spürbar ist.

Das digital@bw Festival findet zum zweiten Mal statt. Nach Heidelberg mit dem Schwerpunkt Bildung gastiert die Veranstaltung zum Thema Medizin in Tuttlingen. Warum darf die Stadt Ausrichter sein?

Zu einem frühen Zeitpunkt haben der Landkreis, die Stadt Tuttlingen und viele Unternehmen sich beworben, unser Gesundheitsfestival in Tuttlingen zu veranstalten. Dem sind wir gerne gefolgt – schließlich bietet Tuttlingen ein herausragendes Umfeld. Mit den rund 400 Unternehmen und 12 000 Arbeitsplätzen gilt die Region als Weltzentrum der Medizintechnik. Seit mehr als 150 Jahren arbeitet man im Medizinbereich – Medizinhandwerk und -innovationen haben eine lange Tradition. Gesundheit im digitalen Zeitalter wird in Tuttlingen bereits gelebt!

Was versprechen Sie sich von der Veranstaltung?

Die Digitalisierung muss für die Menschen da sein – und nicht umgekehrt. Genau da setzt auch unser Gesundheitsfestival an. Wir wollen zeigen, was der digitale Wandel im Gesundheitsbereich, in Medizin und Pflege Neues bringt und welchen Nutzen die Menschen davon haben. Wir wollen konkrete Projekte vorstellen, die Entwicklungen aber auch kritisch diskutieren und Fragen der Bürger aufnehmen. Es werden auch die beiden Projekte der Landesregierung, das Telemedizinprojekt „docdirekt“ und „GERDA“ zur Ausstellung elektronischer Rezepte, die beide auch in Tuttlingen erprobt werden, vorgestellt. Ich freue mich riesig auf das Festival in Tuttlingen, verspreche mir interessante Gespräche und neue Eindrücke.

Wie wichtig ist es Ihnen, dem Bürger die Digitalisierung nahe zu bringen? Für viele, so scheint es, ist Digitalisierung fern und ein Modewort.

Die Digitalisierung erfasst alle Lebensbereiche. Smartphones sind aus unserem Alltag kaum mehr wegzudenken. Trotzdem ist der Begriff Digitalisierung für viele noch abstrakt geblieben. Deswegen hat das Land eine Informationskampagne gestartet, um den Menschen den konkreten Nutzen des digitalen Wandels zu zeigen. Denken Sie an den Arztbesuch: Wenn wir krank sind, suchen wir einen Arzt auf. Das ändert sich mit der Digitalisierung nicht. Allerdings können Sie dank Telemedizinangeboten wie „docdirekt“ zum Arzt gehen, ohne hinzugehen. Wir wollen Ängste abbauen und neugierig machen, auch das, was durch die Digitalisierung im Land bereits vorangeht.

Das Festival ist ein Teil der Digitalisierungs-Strategie des Landes. Baden-Württemberg soll zu einer Leitregion des digitalen Wandels werden. Dafür wird eine Milliarde Euro in die Hand genommen. Wie weit ist der Wandel fortgeschritten?

Es ist richtig: Die Digitalisierung ist ein Schwerpunkt unserer Regierungsarbeit. Bis 2021 nehmen wir eine Milliarde Euro in die Hand, investieren in digitale Projekte. Das ist eine echte Investitionsoffensive. Damit ist es aber nicht getan. Wir müssen schauen, dass wir in diesem Zukunftsfeld international anschlussfähig bleiben, ja, die Nase nach vorne schieben. Nehmen Sie den Bereich der künstlichen Intelligenz. Sie ermöglicht personalisierte Medizin und damit die Entwicklung maßgeschneiderter Therapien. Mit dem Cyber Valley in Tübingen haben wir eine der größten Forschungskooperationen im Bereich der KI, einen echten internationalen Leuchtturm. Aber selbst ein starkes Land wie Baden-Württemberg wird alleine nicht bestehen können. Deshalb arbeiten wir konkret daran, uns mit unseren europäischen Partnern wie Frankreich eng zu vernetzen und unsere Stärken zu bündeln. Nur so können wir gegenüber Asien und Amerika bestehen.

Wie viel von der Milliarde Euro zur Förderung der Digitalisierung kommt im Landkreis Tuttlingen an?

Der digitale Wandel beginnt dort, wo die Menschen leben und arbeiten – in unseren Kommunen. Deshalb fördern wir auch gezielt den digitalen Innovationsgeist unserer Städte, Gemeinden und Landkreise. Durch unsere Digitalisierungsstrategie werden viele Projekte gefördert, von denen die Region bereits profitiert hat: Geisingen, Stadt und Landkreis Tuttlingen oder Mühlheim. Das reicht von der Förderung von Telemedizinprojekten zur besseren ärztlichen Versorgung der Bürger über städtische Apps bis hin zum Virtuellen Rathaus. Insgesamt sind das etwa 350 000 Euro für diese Projekte. Da ist die Breitbandförderung noch nicht eingerechnet. Dafür sind viele Millionen Euro in die Region geflossen.

Auf dem Land merkt man vom digitalen Fortschritt wenig.

Die Haushalte ans schnelle Internet anzuschließen, ist in Baden-Württemberg eine gewaltige Aufgabe. Die Topographie und die oftmals kleinteilige Siedlungsstruktur stellen uns vor große Herausforderungen. Wir brauchen flächendeckend gigabitfähige Netze. Deshalb haben wir die Investitionen in das schnelle Internet massiv nach oben gefahren. Das dritte Jahr in Folge sind bereits mehr als 100 Millionen Euro vom Land in den Breitbandausbau geflossen. Geld, das als Co-Finanzierung direkt zu den Oberbürgermeistern und Landräten geht. Und diese Kommunalförderung ist richtig und zukunftsentscheidend. Wir sind in flottem Tempo gemeinsam unterwegs, haben Hunderttausende Haushalte schon ans schnelle Internet gebracht. Und wir werden nicht nachlassen.

Im Landkreis Tuttlingen zieht sich der Breitbandausbau noch hin, die Umsetzung sei erst zu 25 Prozent erreicht, heißt es. Müssen die Anstrengungen nicht verstärkt werden?

Die Region Tuttlingen profitiert stark von unseren Fördermaßnahmen. Seit 2015 wurden im Landkreis bereits 29 Projekte mit einem Gesamtzuschuss von 5,8 Millionen Euro gefördert. Erst diesen Monat habe ich wieder Förderbescheide an fünf Vorhaben übergeben. Das zeigt Erfolg: Die Versorgungslage im Kreis hat sich in den vergangenen vier Jahren verbessert. 94 Prozent der Haushalte verfügen über einen 30 Mbit/s-Anschluss und 93 Prozent über einen 50 Mbit/s-Anschluss. Damit liegt die Region über dem Landes- und dem Bundesdurchschnitt. Wir sehen freilich, dass vor allem kleinere Siedlungen immer noch weiße Flecken aufweisen. Diese gilt es, schnell zu schließen. Deshalb haben wir unsere Förderpolitik Anfang des Jahres auf neue Füße gestellt, damit auch die Fördergelder des Bundes nach Baden-Württemberg fließen und Kommunen stets 90 Prozent ihrer Ausbaukosten decken können. Das bringt nochmals einen gewaltigen Schub.

Welcher Bereich der Digitalisierung interessiert Sie am meisten?

Das Schöne an der Digitalisierung ist: Man kann jeden Tag etwas dazulernen. Das ist das Spannende und Faszinierende: die Geschwindigkeit ist enorm. All das wird nur erfolgreich sein, wenn die Daten, die Anwendungen sicher sind. Da trifft der Digitalisierungsminister auf den Innenminister, der ich ja auch bin. Das Thema Cybersicherheit ist mir ein besonderes Anliegen. Unternehmen, staatliche Institutionen ebenso wie Privatpersonen sind von Cyberangriffen betroffen. Cyberkriminalität, -spionage und -sabotage sind große Herausforderungen. Wir werden die Potenziale der Digitalisierung nur nutzen können, wenn es ein hinreichendes Vertrauen in die Sicherheit der Daten gibt. Auch daran arbeiten wir mit Hochdruck. Es gibt viel zu tun. Doch wir packen das an.

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