Gehörlosenverein feiert 100. Geburtstag

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Der zweite Vorsitzenden Markus Ernst (links) und Vorsitzender Wolfgang Egle freuen sich schon auf die Feier zum 100. Geburtstag
Der zweite Vorsitzenden Markus Ernst (links) und Vorsitzender Wolfgang Egle freuen sich schon auf die Feier zum 100. Geburtstag, die der Gehörlosenverein am Samstag, 15. September, feiern kann. (Foto: Simon Schneider)
Simon Schneider

Am 15. September feiert der Gehörlosenverein Donautal-Heuberg Tuttlingen seinen 100. Geburtstag. Er gehört damit zu den ältesten Selbsthilfegruppen im Landkreis Tuttlingen. Die Mitglieder des Vereins haben die Vorbereitungen für den großen Festakt nahezu abgeschlossen.

Der Verein registriert derzeit 70 Mitglieder, davon kommen 42 aus dem Landkreis Tuttlingen, die anderen aus den umliegenden Kreisen und darüber hinaus. Selbst zwei Mitglieder aus Tonga verzeichnet der Verein, der Mitglied im Landesverband der Gehörlosen in Baden-Württemberg ist. Nahezu alle haben eine Hörbehinderung.

Über das Jahr hinweg veranstaltet der Verein zahlreiche Aktivitäten. Diese sind vielfältig und unterhaltsam zugleich: Monatlich wird ein Seniorentreff im evangelischen Gemeindehaus in der Gartenstraße in Tuttlingen organisiert. Jede zweite Woche gehen die Mitglieder des Gehörlosenvereins zum Freizeitkegeln in die Tuttlinger Gaststätte „Sommerau“. Aber auch eine Winterwanderung, Binokel-Turniere, mehrere Infoabende, etwa zum Thema Klimawandel, ein Ausflug auf den Honberg-Sommer, aber auch der Besuch der Insel Mainau und Gottesdienste stehen im Jahreskalender.

„Die Heimat eines Gehörlosen ist sein Verein“

Bei den Treffen sei es wichtig, dass sich die Mitglieder untereinander in der Gebärdensprache unterhalten können. „Probleme von Gehörlosen werden bei Zusammenkünfte meist nicht ausgetauscht, da sie jeder kennt“, sagt der erste Vorsitzende Wolfgang Egle und ergänzt: „Bei den Treffen geht es vielmehr um das Miteinander, den Spaß und die Unterhaltung unter Gleichgesinnten. Die Heimat eines Gehörlosen ist sein Verein“, sagt Egle und verdeutlicht so die Bedeutung des Vereins.

Im Alltag und in der Arbeitswelt müssen die Gehörlosen täglich mehrere Hürden überwinden – und das nicht nur bei den fehlenden Untertiteln bei Filmen. Die meisten Vereinsmitglieder, die das Seniorenalter noch nicht erreicht haben, gehen einer normalen Arbeit nach. Hier komme es beispielsweise vor, dass bei einer Besprechung mit dem Abteilungsleiter nur wenig bis gar nichts verstanden werde.

In Gesprächen mit Nachbarn sei der Kontakt außer einer Begrüßung und einer Verabschiedung eher nüchtern und kurz.

Da das Gehörlossein eine unsichtbare Krankheit ist, komme es häufiger vor, dass Gehörlose auf der Straße angesprochen und beispielsweise nach dem Weg gefragt werden. Hier versuche der Gehörlose zu vermitteln, dass der Gegenüber bitte langsam sprechen solle. Dies werde häufig aber nicht gemacht, stattdessen werde weitergelaufen. „Das ist ein Stück weit enttäuschend für den Gehörlosen, weil er gerne geholfen hätte, aber nicht so schnell von den Lippen lesen kann“, so der erste Vorsitzende, der diese Infos beim Gespräch mit unserer Zeitung vom zweiten Vorsitzenden Markus Ernst in der Gebärdensprache erhielt.

Barrieren gebe es aber auch im öffentlichen Nahverkehr. An Bahnhöfen würden beispielsweise kurzfristige Änderungen über Lautsprecher bekanntgegeben, erscheinen aber nicht auf der Anzeigetafel. „Diese Barrieren sind im Gehörlosenverein nicht vorhanden“, betont Egle.

Für viele Anlässe sei es schwierig, einen Dolmetscher zu bekommen. Häufig müsse dafür Geld bezahlt werden, nur bei bestimmten Themen komme etwa die Krankenkasse dafür auf. Die Gebärdensprache sei laut Egle erst nach der Jahrtausendwende anerkannt worden. „In den vergangenen zehn Jahren habe sich die Situation aber deutlich verbessert“, ergänzte er und sprach damit die Inklusion an. Neue Techniken wie Smartphones mit Applikationen wie Whatsapp und Video-Chats seien für die Kommunikation ebenso eine große Hilfe.

Es gäbe durchaus Vorteile, wenn man die Gebärdensprache kenne oder von den Lippen ablesen könne, erklärte der zweite Vorsitzende. Die Gehörlosen könnten laut Ernst von den Lippen ablesen, welche taktischen Anweisungen die Trainer bei einem Fußballspiel im Fernsehen den Spielern geben. Aber auch das Verständigen, wenn eine Glasscheibe dazwischen sei, wie beim Abfahren eines Zuges, sei gegeben.

Fest am Samstag

Am kommenden Samstag, 15. September, feiert der Gehörlosenverein Donautal-Heuberg Tuttlingen seinen 100. Geburtstag in der Aula des Immanuel-Kant-Gymnasiums. Zu diesem Jubiläum kündigten sich der Landesvorsitzende Wolfgang Reiner, der Bundestagsabgeordnete und Unionsfraktionschef Volker Kauder, Oberbürgermeister Michael Beck, Landrat Stefan Bär und viele weitere geladene Gäste an. Neben Sketchen der „Franken Deaf Show“, dem Rückblick in die Vereinsgeschichte und einer Künstler-Ausstellung hat der Gebärdenchor einen Auftritt bei dieser buntgestalteten Jubiläumsfeier. Der Verein rechnet mit rund 250 Gästen.

„Wir freuen uns riesig auf das Fest. Es ist der größte Festakt in unserer Vereinsgeschichte. Auf diesen 100. Geburtstag sind wir natürlich alle sehr stolz“, so Vorstizender Wolfgang Egle.

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