Friedenspreisträgerin Aleida Assmann spricht im Rathaus über den europäischen Traum

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 Aleida Assmann, Friedenspreisträgerin des Deutschen Buchhandels (Mitte) nach ihrem Vortrag im Rathausfoyer mit Oberbürgermeiste
Aleida Assmann, Friedenspreisträgerin des Deutschen Buchhandels (Mitte) nach ihrem Vortrag im Rathausfoyer mit Oberbürgermeister Michael Beck, Rangeeza Noor, eine der ersten Sprecherinnen bei "10 Minuten für Europa", Derya Türk-Nachbaur, stellvertretende Kreisvorsitzende der SPD Baden-Württemberg, und Initiator Christof Manz. (Foto: Valerie Gerards)
Valerie Gerards

Die Friedenspreisträgerin Aleida Assmann ist am Freitagabend zu Gast im Rathausfoyer in Tuttlingen gewesen. Zusammen mit ihrem Mann Jan Assmann wurde sie für ihr Buch „Der Europäische Traum“ mit dem höchsten Preis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet, das laut Jury für ein friedliches Zusammenleben auf der Welt von großer Bedeutung ist. Die vielfach ausgezeichnete Autorin sprach über den europäischen Traum, die Lehren, die die Europäer aus der Geschichte gezogen haben und die das offene Europa ausmachen.

Das Symbol der EU, der Sternenkreis, ist wie eine Uhr angeordnet, und viele glauben, dass Europa ebenso automatisch läuft wie eine Uhr. Das sei aber nicht der Fall, betonte Aleida Assmann. In der Mitte der Sterne gebe es eine Gravitation, die die Einheit davon abhält, auseinander zu fallen. Assmann führte einige Lehren auf, die die Europäer aus der Geschichte gezogen haben und zeigte auf, wie sie als Zusammenhalt Europas funktionieren – und an einigen Stellen nicht mehr.

Die Erinnerungskultur sei einer dieser wichtigen Aspekte. Normalerweise beinhalte die Geschichte einer Nation ein Siegergedächtnis und eine Logik des Vergessens: Das Wissen über uns selbst als Täter und Opfer, also ein monologisches Erinnern. Die EU biete einen einmaligen Rahmen für ein dialogisches Erinnern. Dabei gehe es nicht mehr um Schuld und Schande, sondern um Verantwortung und Empathie. Anhand des Museums des Zweiten Weltkriegs in Danzig, das von der PiS-Regierung geschlossen wurde, erklärte sie, wie fatal die Umdeutung der Geschichte für den europäischen Traum sein kann. Nach dem Willen der Regierung sollte das Museum des Zweiten Weltkriegs in Danzig Heldentum und Leid der Polen zeigen, nicht die europäische Perspektive. Europa sei in Polen zum Feindbild geworden, sagte Assmann.

Auch die Menschenrechte gehörten zu einer der für Europa wichtigen Lehren. „Menschenrechte haben keine kontinuierliche Geschichte und sind alles andere als stabiler Besitz“, sagte Assmann. Sie führte als Beispiel aus jüngster Zeit die Debatte um den Obelisken des nigerianisch-amerikanischen Künstlers Olu Oguibe an. Das für die documenta entworfene Denkmal trägt die Inschrift „Ich war ein Fremdling und ihr habt mich beherbergt“, ein Zitat aus dem Matthäus-Evangelium. Um das Kunstwerk von Oguibe wurde symbolisch eine Debatte um unterschiedliche Ziele und Gefühle in der Gesellschaft geführt und wurde am 3. Oktober 2018 entfernt. Eine Möglichkeit, sich über Grenzen hinweg zusammen zu schließen, seien Netzwerke, Städtepartnerschaften und „Menschenrechtsstädte“, sagte Assmann. Ob der europäische Traum eine Zukunft hat oder nicht, hänge nicht zuletzt davon ab, ob diese Lehren, die Europäer aus der Geschichte gezogen haben, weiterhin als eine gemeinsame Grundorientierung anerkannt und umgesetzt werden.

Appell des Oberbürgermeisters

Oberbürgermeister Michael Beck empfand das volle Rathausfoyer als gutes Signal; das Buch sei schließlich den Trägern und Unterstützern der Willkommenskultur gewidmet. Doch das Klima habe sich gewandelt, nicht unbedingt zum Besten. Aber wer präge dieses Klima? „Das sind wir alle! Wir sind gefragt, uns mit der politischen Bildung auseinanderzusetzen.“ Denn Europa stehe so nah am Abgrund wie nie zuvor. „Dass wir in Frieden leben seit dem Zweiten Weltkrieg, dessen sollten wir uns bewusst sein“, appellierte Beck.

Die Lesung fand unmittelbar nach dem Speakers Corner in Stiefels Buchladen statt, bei dem Derya Türk-Nachbaur, stellvertretende Kreisvorsitzende der SPD Schwarzwald-Baar, „10 Minuten für Europa“ gesprochen hatte. Auch Rangeeza Noor, eine der ersten Sprecherinnen, war dabei. Beck dankte Christof Manz, dem es gelungen war, Aleida Assmann, „eine der klügsten Frauen Deutschlands“, so spontan zu einer Lesung am Weltfrauentag zu holen.

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