FC 08 Meister der Schwarzwald-Bodenseeliga

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Der FC 08 Tuttlingen, Meister der I. Amateurliga Schwarzwald-Bodensee, Saison 1966/67. Stehend von links: Mannschaftsbetreuer He
Der FC 08 Tuttlingen, Meister der I. Amateurliga Schwarzwald-Bodensee, Saison 1966/67. Stehend von links: Mannschaftsbetreuer Heinz Gruler, Geschäftsführer Roland Manz, Peter Glatz, Rolf Wirthle, Peter Heinecke, Hans Martin, Fritz Schaaf, Hans Gnirß, (Foto: FC 08)
Sportredakteur

Am Sonntag, 23. April, jährt sich zum 50. Mal der bisher größte Erfolg des Fußballs im Kreis Tuttlingen: Der FC 08 Tuttlingen sicherte sich am Sonntag, 23. April 1967, die Meisterschaft in der Schwarzwald-Bodensee-Liga. Kapitän Rolf Wirthle erzielte den 1:0-Siegtreffer beim FV Olympia Laupheim.

Allein das Wort Schwarzwald-Bodensee-Liga lässt bei den älteren Fußballfans nicht nur in Tuttlingen Erinnerungen an große Spiele und Zuschauermassen wach werden. Die Schwarzwald-Bodenseeliga war unter der ersten Bundesliga und der Regionalliga, damals in fünf Staffeln (Nord, West, Südwest, Süd und Berlin), die dritthöchste Spielklasse in Deutschland.

Die Tuttlinger hatten vor dem letzten Spieltag einen Punkt Vorsprung auf die SpVgg Lindau. Diese hatte ihr letztes Spiel bereits am Samstag ausgetragen und gegen den VfB Friedrichshafen 4:0 gewonnen. „Die Lindauer haben in voller Besetzung auf der Zuschauertribüne gehockt“, erinnert sich Hans Gnirß, rechter Außenverteidiger des FC 08. „Das hat den Druck erheblich erhöht“, sagt Klaus Gützkow, der als pfeilschneller Linksaußen bei den Gegnern gefürchet war.

Die Tuttlinger mussten gewinnen, bei einem Unentschieden hätte es bei Punktgleichheit ein Entscheidungsspiel gegeben. Es war ein regnerischer, ungemütlicher Tag. Unter den 1200 Zuschauern war gut die Hälfte aus Tuttlingen angereist. Laupheim machte es den Donaustädtern nicht leicht, kämpfte verbissen. Mit 0:0 ging es in die Halbzeit. Und dann wurde es dramatisch: In der 56. Minute erhielten die Tuttlinger einen Elfmeter zugesprochen. Doch Wirthle schoss den Ball am Tor vorbei. „Ich kann mich nicht daran erinnern, dass er vorher jemals einen Elfmeter verschossen hat“, sagt Gnirß rückblickend. „Auf der Tribüne sind fast alle Zuschauer nach diesem Fehlschuss erstarrt“, erinnert sich Roland Habel, später Sportredakteur dieser Zeitung. „Nur die vier Lindauer vor uns sind jubelnd aufgesprungen.“

Doch der 08-Kapitän ging weiter voran. Neun Minuten später zirkelte Wirthle einen Freistoß aus 18 Metern um die Mauer zum 1:0 ins Netz. „Da sind alle auf der Tribüne aufgesprungen, nur die vier Lindauer saßen ganz bedröppelt da“, sagt Habel. Wirthle hatte bereits am vorletzten Spieltag mit einem direkt verwandelten Freistoß für den 1:0-Sieg gegen den FC Hechingen gesorgt. Dieter Werner: „Wirthle war der Kopf der Mannschaft. Er hätte auch woanders spielen können.“

„Nach dem Abpfiff sind vor Freude alle Dämme gebrochen“, sagt Gnirß. Nach der Rückkehr wurde im Waldschlößle, dem Vereinslokal des FC 08, ausgiebig dieser große Erfolg gefeiert. „Nach dem Spiel in Laupheim haben wir für die Meisterschaft eine Prämie von 40 Mark erhalten“, berichtet der damalige Außenverteidiger.

Dabei hatte die Meister-Saison alles andere als optimal für den FC 08 begonnen. Man wollte möglichst nichts mit dem Abstieg zu tun haben, im vorderen Mittelfeld mitspielen. Nach neun Spieltagen fand man sich mit 7:11 Punkten auf dem drittletzten Platz wieder.

Mit 12:12 Punkten ging es dann am 19. November 1966 zum FC Tailfingen. 20 Zentimeter Schnee, der Platz nicht geräumt, doch einen Spielausfall gab es in der damaligen Zeit so gut wie nie. Klaus Gützkow: „An das Spiel erinnert mich heute noch eine Narbe, die mir mein Gegenspieler am Oberschenkel zugefügt hat. Sportplatz Langenwand in Tailfingen, mit Reisig hat man die Linien abgesteckt und in der Halbzeit dann erneuert.“ Die Tuttlinger verloren 1:4.

Doch dann rollten die Tuttlinger das Feld von hinten auf. Es folgten bis zum 18. Dezember vier Siege in Folge. Das Spiel gegen Laupheim am 4. Dezember begannen die Tuttlinger mit zehn Spielern. Linksläufer Glatz hatte sich beim Warmlaufen verletzt und musste ärztlich behandelt werden. Ab der sechsten Minute konnte Glatz dann eingesetzt werden. Damals durfte noch nicht ausgewechselt werden.

Nach einer kurzen Pause ging es am 8. Januar 1967 weiter. Am 22. Januar stand das Gastspiel beim FV Ebingen an. Im Gränzbote vom Tag nach dem Spiel war zu lesen: „Das Ebinger Stadion glich vor Spielbeginn einer Eisbahn. Erst nach langem Zögern konnte sich Schiedsrichter Lange aus Stuttgart entschließen, den mit einer fünf Zentimeter dicken Eisschicht bedeckten Platz zum Spielen freizugeben.“ Die Tuttlinger schienen die besseren Eisläufer gewesen zu sein. Ein überragender Torhüter Günter Henke war bei einem Eckball-Verhältnis von 19:4 für Ebingen Garant für den 2:1-Sieg.

Damit hatten sich die Tuttlinger mit dem siebten Sieg in Folge auf den dritten Platz vorgearbeitet und mussten eine Woche später beim Tabellenführer FC Singen 04 antreten. 4000 Zuschauer, davon 1500 aus Tuttlingen, sorgten im Hohentwielstadion für eine tolle Kulisse. Rainer Eger erzielte den 1:0-Siegtreffer, mit dem der FC 08 die Tabellenführung übernahm und dann auch nicht mehr abgab.

Von den damaligen Zuschauerzahlen kann der Amateurfußball heute träumen. „Es war eine andere Zeit“, sagt Dieter Werner, der in der Meister-Saison als A-Jugendlicher zu einigen Einsätzen in der ersten Mannschaft kam, darunter am letzten Spieltag in Laupheim. „Das kann man mit heute nicht vergleichen. Heute hätten wir diese Zuschauerzahlen nicht.“ Und Roland Habel erinnert sich: „Damals war sonntags nichts los. Keine Feste oder Konzerte. Im Fernsehen gab es nur zwei Programme. Da sind schon Hunderte zum Reservespiel gekommen. Der Sportplatz war ein Treffpunkt.“

20 Spieler setzte der FC 08 in der Meister-Saison ein. „Dieter Werner: „Damals hat es kaum Spielerwechsel gegeben. Wer hatte zu dieser Zeit schon ein Auto. Daher hat man hauptsächlich von den eigenen Spielern gelebt. Damit war auch die Identität zum Verein da.“ Acht der damals elf Stammspieler stammten aus der eigenen Jugend. Werner: „Der Verein hat damals durch die vielen eigenen Spieler viel Geld gespart. Es gab auch Vereine, die haben viele Leute gekauft. Bei uns haben die gespielt, die aus der Jugend gekommen sind.“ Von auswärts waren damals Peter Heinecke, der als Wurmlinger fast ein Tuttlinger war, sowie die Leistungsträger Günter Henke im Tor (aus Vöhringen) und Rainer Eger (aus Balingen).

Hans Gnirß erinnert sich noch an Torhüter Henke, der von 1964 bis 1967 für den FC 08 spielte und die Abläufe: „Günter Henke war sprunggewaltig, fangsicher und sehr ruhig. Ein Top-Torhüter. Wir sind immer mit einem großen Bus zu den Auswärtsspielen gefahren. Da die Reserve immer das Vorspiel gemacht hat, waren es immer 22 Spieler und die Spielerfrauen. Dann noch einige Betreuer vom Verein und der Vorsitzende Rudi Seltmann – da war der Bus voll.“ Und Gnirß weiter: „Die Spielweise war eine andere als heute. Als Abwehrspieler hast du nicht über die Mittellinie gehen dürfen.“

Auch vor dem entscheidenden Spiel in Laupheim gab es bei der Vorbereitung keine Änderung. Gnirß: „Bei der Spielerversammlung im Waldschlößle gab es immer eine Suppe, am Sonntag nach dem Spiel ein Essen. Wenn man am Spielort angekommen war, hatte man noch viel Zeit. Erst zur Halbzeit des Reservespiels mussten wir dann in der Kabine antreten.“

Die Spieler des FC 08 in der Meister-Saison 1966/67: Günter Henke (26 Spiele), Rolf Wirthle (30/12 Tore), Erwin Kapp (30/18), Hans Strölin (29), Hans Gnirß (26), Klaus Gützkow (26/10), Albrecht Mau (26/1), Peter Heinecke (23), Dieter Baur (23), Rainer Eger (21/9), Norbert Ruff (19/5), Peter Glatz (18), Horst Trempeck (10/2), Rainer Eyrich (6/2), Toni Hartmann (4), Hans Martin (4), Dieter Werner (3), Klaus Netzer (3), Fritz Schaaf (2), Günter Liebermann (1).

Die wichtigsten Macher des FC 08: Rudi Seltmann (Vorsitzender), Eugen Schmid (Hauptkassier), Roland Manz (Geschäftsführer), Heinz Gruler (Mannschaftsbetreuer).

Der FC 08 Tuttlingen war damals mit Karl Mogyorosi als Trainer in die Saison gestartet. Der Ungar legte nach der Vorrunde und insgesamt zweieinhalbjähriger hauptamtlicher Tätigkeit sein Traineramt aus gesundheitlichen Gründen nieder. Mogyorosi, für den das Fußballtraining mehr als nur ein Beruf war, sagte damals über die 08-Mannschaft: „Mit solchen Jungen zu arbeiten, ist eine wahre Freude.“

Als Interimstrainer fungierte dann Kapitän Rolf Wirthle, unter dessen Leitung der FC 08 im Januar alle Spiele gewann. Ab Februar 1967 übernahm dann Horst Weiß aus Berlin das Training. Weiß war in der damals geteilten alten Stadt ein geachteter Fußball-Lehrer. „Der Weggang von Horst Weiß bedeutet für den Berlinger Fußball einen schweren Verlust“, kommentierte die „Berliner Sportwoche“, damals die führende Sportzeitung in berlin, den Weggang. Weiß, gebürtig aus Plauen, hatte in berlin für Tennis Borusia und Wacker 04 gespielt, den VfB Hermersdorf 1965 als Trainer in die damalige Regionalliga geführt und war zehn Jahre Jugendtrainer des Berliner Fußballverbands gewesen. In Auswahlmannschaften der Ostzone hatte er nach dem Krieg zusammen mit dem späteren Bundestrainer Helmut Schön gespielt. Weiß kehrte nach seinem halbjährigen Engagement in Tuttlingen nach Berlin zurück.

Für den FC 08 Tuttlingen war die Saison mit dem Gewinn der Meisterschaft in der Schwarzwald-Bodenseeliga nicht vorbei. Eine Woche später unterlagen die Tuttlinger im Endspiel um die württembergische Meisterschaft vor 3000 Zuschauern in Ebingen den Amateuren des VfB Stuttgart 0:2.

Und dann folgte noch die Aufstiegsrunde zur damaligen Regionalliga Süd. Dort konnten die Tuttlinger in den Spielen gegen den ASV Feudenheim, Offenburger FV u nd die TSG Backnang nicht mehr an die Leistungen der Rundenspiele anknüpfen. Gleich das erste Spiel daheim gegen Feudenheim vor 4000 Zuschauern wurde 0:3 verloren. Am letzten Aufstiegsrunden-Spieltag mussten die Donaustädter (0:10 Punkte) dann in Feudenheim antreten. Die Gastgeber brauchten einen Sieg, um ihre Aufstiegschancen zu wahren. Doch mit dem 3:3 und ihrem einzigen Punkt sorgten sie für eine große Überraschung. Die Feudenheimer Zuschauer hinter unserem Tor wollten Torhüter Henke noch mit Geld bestechen, dass er noch einen Ball reinlässt“, erinnert sich Dieter Werner.

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