Experte: Die Hälfte der Medizintechnik-Unternehmen aus Tuttlingen verschwindet

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Tobias Koch ist Regionalökonom und Experte auf dem Gebiet der Strategieentwicklung für Wirtschaftsstandorte, betriebliche Standortplanung. Seine Arbeitsschwerpunkte liegen in der Standortanalyse der zukunftsorientierten Analyse regionaler Märkte sowie die Bewertung und Begleitung von Standort- und Investitionsentscheidungen. Koch ist in Tuttlingen aufgewachsen. Heute arbeitet er für das Wirtschaftsforschungsunternehmen Prognos in Stuttgart. Die Anmeldung zum Vortrag ist nur noch heute, 11. Oktober, über www.werk39.com/event_registration

Der Medizintechnikbranche geht es gut. Doch durch die Digitalisierung drängen neue Wettbewerber auf den Markt, die auch den Tuttlinger Unternehmen versuchen, das Wasser abzugraben. Realökonom Tobias Koch spricht am Dienstag, 16. Oktober, 18.30 Uhr im Werk 39 des Tuttlinger Medizintechnik-Unternehmens Aesculap im Rahmen der Reihe „Medtech Shakers“. Redakteur Sebastian Heilemann hat mit ihm darüber gesprochen, was auf die Branche zukommt.

Sie werden beim Werk 39 im Rahmen der Reihe „Medtech Shakers“ sprechen. Mit was wollen Sie aufrütteln?

Man kann nur erfolgreich bleiben, wenn man auch weiterhin innovativ bleibt. Unbestritten ist Tuttlingen das führende Cluster in der Medizintechnik. Es stellt jeden zehnten Arbeitsplatz der Medizintechnik in Deutschland und vieles spricht dafür, dass das Tuttlinger Cluster weiterhin stark bleiben wird. Gleichzeitig wird aber schon viel darüber orakelt, dass der Niedergang beziehungsweise der Abschwung kommen wird. Meine Botschaft ist, dass man sich nicht auf seinem Erfolg ausruhen darf.

Und wie vertrauenswürdig sind diese Orakel aus ihrer Sicht?

Wir haben die 401 kreisfreien Städte und Landkreise in Deutschland im Rahmen des Prognos-Zukunftsatlas auf Zukunftsfähigkeit und Wirtschaftskraft untersucht. Tuttlingen kommt dabei auf Platz 64 und gehört zu den Regionen mit hohen Zukunftschancen. Bei unserer aktuellen Untersuchung des Digitalisierungskompass 2018 erreicht der Landkreis bei zwölf Indikatoren der Digitalisierung nur noch den 171. Platz und bleibt damit im Mittelfeld. Das zeigt, dass sich die Lücke zwischen alter und neuer Welt öffnet.

Ist das ein Rückstand, der überhaupt noch aufzuholen ist?

Der Breitbandausbau ist ein Problem. Die Abdeckung auf dem Land ist einfach zu schwach. Und wenn wir die Abdeckung nicht haben, drohen Regionen den Anschluss zu verlieren. Insbesondere die Gewinnung von IT-Fachkräften und digitalen Spezialisten ist für ländliche Regionen abseits der großen Städte ein erheblicher Hemmschuh. Insgesamt sind wir aber nicht in der Krise. Es ist jedoch entscheidend, sich insbesondere den Zukunftsthemen der digitalen Vernetzung im Gesundheitswesen zu stellen.

Digitalisierung bedeutet aber mehr als nur schnelles Internet. Auf was muss sich die Medizintechnik einstellen?

Die großen Wettbewerber der Zukunft auf dem Markt kommen immer seltener aus der gleichen Branche. Das können Unternehmen aus der Sensortechnik, der Pharmaindustrie oder der IT sein, die kaum erkennbar sind oder sich gerade aktuell als Start-Ups neu formieren. Es wird eine hohe Wertschöpfung mit digitalen Lösungen und Produkten erwartet. Jetzt drängen Tech-Konzerne wie Google und graben den etablierten Unternehmen Umsatz und Kunden ab. Wir wissen heute nicht, welche Unternehmen und Plattformen in fünf oder zehn Jahren an der Spitze im Gesundheitsbereich stehen werden. Und diese Unternehmen bringen unter anderem Apps und Diagnosesoftware zur Prävention auf den Markt und können durchaus zu einer Verdrängung im OP-Bereich führen.

Inwiefern ist denn eine neue App eine Gefahr für den Hersteller von etwa künstlichen Kniegelenken?

All das, was Sie präventiv schaffen, führt zu einer gewissen Reduktion von Instrumenten für Eingriff, Behandlung und Nachsorge. Der Gesundheitssektor ist ein wachsender Markt, aber es wird zu einer Verschiebung der Segmente kommen. Alle, die auf marktgerechte digitale Produkte setzen und einen erkennbaren Mehrwert für Patienten, Krankenkassen oder Ärzte leisten, werden überproportional wachsen. Und Unternehmen wie die großen Tech-Konzerne verfügen über ausreichend Investitionskapital und Ressourcen für Forschung und Entwicklung, um neue Geschäftsmodelle zu entwickeln oder sich im deutschen Mittelstand einzukaufen. Das ist ein schleichender Prozess, der sich intensivieren wird. Von derzeit 400 Unternehmen im Cluster Tuttlingen wird es langfristig vielleicht noch 250 geben.

Sie skizzieren ein recht düsteres Szenario. Was müssen Unternehmen aus Ihrer Sicht tun, um zu den 250 Unternehmen zu gehören, die übrig bleiben?

Wir erleben im Cluster Tuttlingen deutliche Abschottungstendenzen und jeder kocht sein eigenes Süppchen. Einer allein wird mit dieser Entwicklung im Kontext der wachsenden Transformationsprozesse in Zukunft schnell überfordert sein. Wir brauchen Offenheit und einen Blick über den Tellerrand heraus. Die Unternehmen müssen begreifen, dass der Hauptwettbewerber nicht nur in Tuttlingen arbeitet, sondern zum Beispiel in China und Nordamerika. Die Unternehmen des Clusters hängen alle am selben Ast. Firmen, die sich vernetzen, Kooperationen und Allianzen mit Partnern aus Wissenschaft sowie Unternehmen auch aus anderen Branchen eingehen, sind erfahrungsgemäß innovativer als die, die sich abschotten.

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