Evangelische Nachbarschaftshilfe wird 50

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 Mitarbeiter des Evangelischen Nachbarschaftsvereins - noch vor den Coronabeschränkungen - im 50. Jahr des Bestehens.
Mitarbeiter des Evangelischen Nachbarschaftsvereins - noch vor den Coronabeschränkungen - im 50. Jahr des Bestehens. (Foto: nachbarschaftsverein)
Schwäbische Zeitung

Nachbarschaftshilfe – das war, wie das Wort schon sagt, früher die fast selbstverständliche Hilfe von Nachbarn oder Bekannten. Wenn jemand krank war oder aus Altersgründen nicht mehr aus dem Haus konnte, half man sich gegenseitig so gut es ging. Wo das nicht möglich war, wandte man sich oft an die Kirchengemeinde.

Hanna Huber, die Frau des früheren evangelischen Kirchenpflegers Helmut Huber, begann deshalb 1970 mit der Organisation solcher Hilfen: Jede Woche trafen sich vier Frauen in ihrem Wohnzimmer, um die Hilfe für die in Not geratenen Menschen zu besprechen. Damit war die „Nachbarschaftshilfe“ in Tuttlingen geboren. Am Anfang war sie ökumenisch – erst viel später hat die katholische Kirchengemeinde eine eigene Nachbarschaftshilfe ins Leben gerufen.

Im Jahr 1973 stieß Giesela Geschke zur Einsatztruppe der Helferinnen und übernahm dann 1980 die Einsatzleitung von Hanna Huber. Die Anzahl der Mitarbeiterinnen wuchs stetig, auch wenn diese nur einen Anerkennungsbetrag von 1,50 D-Mark pro Stunde für ihre Arbeit erhielten.

90 Jahre lang haben Diakonissen in Tuttlingen die Mitglieder des Diakonissenvereins unentgeltlich gepflegt; als es dann keine Diakonissen mehr gab, wurde die Evangelische Sozialstation als Pflegedienst gegründet. Die Nachbarschaftshilfe wurde dieser neuen Einrichtung angegliedert; die Kirchengemeinde übernahm die stetig wachsenden Verwaltungsaufgaben und der Diakonissenverein kam für die Kosten auf.

Als Giesela Geschke 1997 in den Ruhestand ging, war die Anzahl der Nachbarschaftshelferinnen bereits auf 24 angewachsen. Kurzzeitig wurde die Einsatzleitung einer Schwester der Sozialstation übertragen, bis Brigitte Morlock, die Frau des damaligen Dekans, im Sommer 1999 diese Aufgabe übernahm. Im darauffolgenden Jahr hat die Evang. Kirchengemeinde die Trägerschaft der Nachbarschaftshilfe an den Evangelischen Krankenpflegeverein Tuttlingen e.V. (früher Diakonissenverein) übertragen. Trotzdem blieb die Zusammenarbeit mit der Sozialstation – nicht nur wegen der räumlichen Nähe im selben Büro in der Freiburgstraße 44 – vertrauensvoll eng. Patienten, die die Sozialstation nicht mehr aufnehmen konnte, wurden von den Nachbarschaftshelferinnen versorgt.

Gemeinsam zogen die Evangelische Sozialstation und die Nachbarschaftshilfe 2010 in die neuen Räume in der Donaustraße 52 um. Weil die Anzahl der Hilfebedürftigen immer stärker stieg, musste auch die Verwaltung ausgebaut werden; so wurden die neuen Räume bald zu klein. Als im Nebenhaus, in der Gartenstraße 1, die Hausmeisterwohnung leer stand, konnte die Nachbarschaftshilfe im Jahr 2015 dorthin umziehen und hat ihr Büro nun im dritten Stock des Evangelischen Gemeindehauses.

Gleichzeitig übernahm Elke Jung, eine Krankenschwester und langjährige Mitarbeiterin der Sozialstation, die Einsatzleitung in der Nachbarschaftshilfe. Aktuell betreuen 120 Mitarbeiterinnen und drei Mitarbeiter insgesamt 350 Haushalte in Tuttlingen, Neuhausen ob Eck und Rietheim-Weilheim. Sie helfen den Menschen morgens beim Aufstehen, bei der Körperpflege und beim Ankleiden, sie richten das Frühstück, gehen einkaufen, kümmern sich um die hauswirtschaftliche Versorgung und begleiten Patienten zum Arzt, Frisör oder zur Fußpflege. Sie leisten Gesellschaft bei Spaziergängen, lesen vor oder betreuen dementiell Erkrankte während der Abwesenheit der Angehörigen. Manchmal werden die Menschen nur wenige Tage versorgt – während sie zum Beispiel auf einen Heimplatz warten – manchmal erstreckt sich die Hilfe über viele Jahre und es entsteht ein persönliches Vertrauensverhältnis zwischen der Nachbarschaftshelferin und dem Menschen, den sie betreut und versorgt.

Als die Evangelische Sozialstation aus Kostengründen 2019 den Dienst „Essen auf Rädern“ einstellen musste (wie zuvor schon die Katholische Sozialstation), übernahm der Evangelische Krankenpflegeverein diese Aufgabe im Januar 2020; die Fahrer – allesamt Mitarbeiter der Nachbarschaftshilfe – fahren rund 50 Essen im gesamten Stadtgebiet aus. Sieben Tage in der Woche sind sie unterwegs, damit die Menschen in Tuttlingen auch weiterhin mit einer vollwertigen und frisch zubereiteten Mahlzeit versorgt werden können.

Da der Klimaschutz und nachhaltiges Handeln dem Evangelischen Krankenpflegeverein sehr am Herzen liegen, wurde ein kleiner Elektrolieferwagen angeschafft, um die Mahlzeiten CO²-neutral zu transportieren.

Der für den 14. Juni geplante Festgottesdienst zum 50-jährigen Bestehen konnte aufgrund der aktuell gültigen Einschränkungen nicht stattfinden.

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