Auftakt der Tuttlinger Krähe
Was haben die Künstler Sascha Grammel, Mario Barth, Bülent Ceylan, oder Heinrich Del Core gemeinsam? Sie waren alle schon mal in Tuttlingen. Warum, das sehen Sie hier.
Schwäbische Zeitung
Kornelia Hörburger

Die „Tuttlinger Krähe“ ist am Dienstagabend in der Möhringer Angerhalle zum 18. Mal gestartet. Der erste mitreißende Wettbewerbsabend hat im Zeichen der Musik gestanden.

Eines war allen Mitwirkenden an diesem Wettbewerbsauftakt gemein: Ob nun mit Musik-Comedy oder mit Musik-Kabarett – ohne Ausnahme überrollten sie das Publikum mit einer wahren „Charme-Offensive“. Franziska Ball („Ball und Jabara“) erntete Sympathie und Verständnis als entnervte Mutter. Jugendlicher Charme und sarkastische Abgründe paarten sich bei Peter Fischer. Martin Herrmann zündete mit geschliffener Wortakrobatik, und „Die schrillen Fehlaperlen“ setzten den Schlussakkord mit Gaudi pur.

Auf Seehofers Zensur hin müsse er Tuttlingen statt als „Mekka“ nun als „Altötting“ der Kleinkunst ankündigen, erklärte der diesjährige Krähe-Moderator und „Vertreter des gehobenen Blödsinns“, Matthias Brodowy. Das Publikum ermunterte er: „Seien Sie anarchistisch-humorvoll und machen Sie doch einfach mal Quatsch!“ und ging gleich selber mit gutem Beispiel bei seiner kurzweiligen Moderation voran.

In militaristischer Camouflage-Hose, am Gürtel schwer bewaffnet mit Schnullerketten und Plüschtieren, führt Franziska Ball musikalisch als „Supermama Clara Loft“ einen verzweifelten Kampf gegen mangelnde Wertschätzung und gegen das Chaos im Alltag mit Kindern. Marty Jabara begleitet sie dabei am Flügel und gibt zwischendurch auch mal die Rhythmusgruppe. Ball verfügt über eine besonders kultivierte Sing- und Sprechstimme mit samtenem Timbre. Abrupt wechselt sie in Rollenspielen die Klangfarbe vom nörgelnden Kind zur überforderten Mutter oder zur entnervten Ehefrau. In einem „Husarenritt“ mit quengelnden Kindern durch den Supermarkt zu Offenbachs Can-Can und im Maschinengewehrfeuer mütterlicher Zurechtweisungen zur Ouvertüre von Wilhelm Tell absolviert die Schauspielerin fehlerfrei in wenigen Minuten das Textpensum einer Dreiviertelstunde. Das gespielte Mütterduell „Alles was deins kann, kann meines viel besser“ zu „Annie Get Your Gun“ wird zu einem Riesenspaß, selbst wenn die Mütterthematik nicht „jeder-manns“ Thema sein sollte. Die undankbare Aufgabe des ersten Wettbewerbsauftritts meistern Ball und Jabara mit Bravour. Der Saal ist danach mindestens auf Betriebstemperatur.

Nach so viel temperamentvoller Show ist es nicht ganz einfach, als Singer-Songwriter die Stimmung aufrecht zu erhalten. Und doch hat auch Peter Fischer schnell alle Sympathien des Publikums erobert: noch jung, aber nachdenklich, nimmt er mit selbst geschriebenen Titeln, die er selber virtuos am Klavier begleitet, alle mit. Bei „Annegret“ ist schon der Name Programm, und zwischen flachsigen Wortspielereien tun sich urplötzlich immer wieder sarkastische Abgründe auf: Etwa, wenn Fischer, nach einer Publikumsbefragung, die Krippenszene in einen Stall nach Bubsheim verlagert - und sich fragt, ob Marias Milch wohl vegan sei.

Ebenfalls in bester Liedermacher-Tradition, aber mit Gitarrenbegleitung und scheinbar bedächtiger, setzt Martin Herrmann seine Pointen. Es sieht allerdings nur so aus, als ob er sich just auf der Bühne überlegt, was er als nächstes sagt, denn jeder Satz ist geschliffen – und groß der Überraschungseffekt, wenn vermeintlich harmlose Blödeleien plötzlich in rabenschwarzen Humor umschlagen. Weil das Risiko einer Scheidung ihm zu groß sei, hätte er’s nicht bis zur Heirat geschafft. Und doch hat er erfolgreiche Werbe-Strategien beim anderen Geschlecht entwickelt, etwa wenn er seiner „tibetanischen Taschenharfe“, einem umfunktionierten Eierschneider, esoterische Saitenklänge entlockt. Allerdings sei sein doppelt-maskuliner Name „Herr-Mann“ ein Alptraum für jede Gleichstellungsbeauftragte. Und mit dem Vornamen „Martin“ sei es auch nicht besser bestellt: Welche Frau käme schon auf den absurden Gedanken, ihren Mantel kaputtzuschneiden?

Die Fehlaperlen gehenaus Fasnachtsauftritt hervor

So richtig krachen lassen es am Programmende „Die schrillen Fehlaperlen“. Mit einem Fasnachtsauftritt hat alles für das Ensemble begonnen, das aus einem Laienchor aus der Nähe von Burladingen hervorging.

Inzwischen bringen die vier Sängerinnen gemeinsam mit Quotenmann Ferdi an der Klampfe Säle zum Kochen. Ihr Youtube-Mitklatsch-Hit „Aber mir roichts“ fehlt im Krähe-Programm genauso wenig wie ihre musikalischen Bekenntnisse als männermordende „Schwarzen Witwen“, die „Wieder mal zu haben“ sind. In wechselnden, knallbunten Outfits heizen sie auch im Krähe-Saal ein: putzmunter, fröhlich strahlend, auf schwäbisch, ohne Anspruch auf verkopfte intellektuelle Sprachspielereien.

Das Publikum lässt sich auch an diesem Abend vom „Gute-Laune-Auftritt“ der fünf authentischen Stimmungskanonen ganz einfach mitreißen und folgt damit der Empfehlung des Moderators zu Beginn: „Haben Sie Spaß! Machen Sie einfach mal Unsinn!“

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