Episoden aus dem eigenen Leben schildern

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 Christa Anger hat das Erzählcafé initiiert.
Christa Anger hat das Erzählcafé initiiert. (Foto: Kornelia Hörburger)
Kornelia Hörburger

Beim „Erzählcafé“ im Haus der Senioren haben Interessierte seit Kurzem zweimal im Monat die Gelegenheit, Erinnerungen an früher austauschen und dabei mit anderen ins Gespräch zu kommen.

Christa Anger, die stellvertretende Vorsitzende des Ortsseniorenrats, hat das „Erzählcafé“ initiiert: als offenes Angebot an alle, ohne Verpflichtung zur Anmeldung und ohne Gebühr. „Es soll eine Anregung sein, die eigene Stube mal zu verlassen. Mir ist auch wichtig: Es darf bei diesem Treffen gelacht werden.“

„Ich lege alte Postkarten bereit“, erklärt Christa Anger. „Die Bilder werden sicher bei jedem ganz unterschiedliche Erinnerungen wachrufen.“ Jeder in der Runde soll so an eine Episode aus seinem Leben erinnert werden und sie den anderen erzählen dürfen. Niemand braucht zu befürchten, dass jeweils ein Einzelner bei einem Treffen über sein ganzes Leben berichtet. „Alle Anwesenden sollen zu Wort kommen“, sagt Anger. „Und es gibt auch kein vorher festgelegtes Thema.“ Im Gespräch zwischen den Teilnehmern sollen sich immer wieder neue Themen ergeben. Das Erzählcafé soll auch in Bezug auf die Teilnehmer-Zusammensetzung ganz offen sein. Es muss nicht immer die gleiche runde sein, die Zusammensetzung darf ruhig wechseln.

Wie schnell solch ein Austausch in Gang kommt, war beim Pressetermin im Haus der Senioren zu erleben: Zu Gast war zwar nur eine Besucherin, doch das reichte für ein lebhaftes Gespräch mit einer großen Bandbreite an Themen: Nicht nur, dass die heute 91-jährige Besucherin einst selber über die Vereine in der Lokalpresse berichtet hat. Sie erzählte auch von den verschiedensten Tuttlinger Läden, in denen man früher wirklich alles kaufen konnte - die aber inzwischen, im Zeitalter des Internet, einfach verschwunden sind. Oder von ihrer Hilfestellung für den türkischen Nachbarsjungen bei dessen Hausaufgaben: Wie es früher war, hätte er für die Schule beschreiben sollen. „Dabei hat seine ganze Familie doch früher nicht hier sondern in der Türkei gelebt“, erklärte die Dame. Sie gab ihm als Requisite aus der Vergangenheit einen Teppichklopfer mit in die Schule – und ging selber auch gleich noch mit, um dort persönlich der Klasse Rede und Antwort zum Thema zu stehen. Und da war noch die lebendige Erinnerung an die Theaterprobe während der Besatzungszeit direkt nach dem Krieg, die kurzerhand ins Krankenhaus verlegt wurde, weil eine Mitspielerin dort Dienst hatte und sonst nicht hätte teilnehmen können. Dass in jenen von Hunger bestimmten Jahren zudem die Krankenhausküche die Theatergruppe einlud, hat sich begreiflicherweise besonders ins Gedächtnis eingeprägt.

Auch bei Christa Anger wurden an diesem Nachmittag Erinnerungen wach: an ihre Kindheit in Hamburg während des Kriegs. Sie begleitete öfters ihre Mutter, die Krankenschwester war, zu deren Arbeit ins Lazarett im Hafen. Aber sie wurde auch aus der Stadt aufs sicherere Land hinaus verschickt, zu Familienangehörigen, aber auch in ein Kinderheim, in dem es ihr sehr gut ging. Und dann ist da noch die Erinnerung an das Glück, damals mit dem allerletzten Zug noch aus Dresden herausgekommen zu sein.

Im Lauf der Jahrzehnte sammelt sich Einiges an Erinnerungen an, an die Menschen sicher gerne wieder einmal anknüpfen – Christa Anger hofft nun, dass ihr Projekt demnächst richtig Fahrt aufnimmt.

Das nächste Erzählcafé findet am Mittwoch, 4. Dezember, um 14.30 Uhr im Haus der Senioren statt. Kommen dürfen alle. Eine Anmeldung ist nicht nötig. Das Erzählcafé ist gebührenfrei.

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