Einzigartig: Tuttlinger Donau fließt in zwei Meere

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Es ist ein Naturphänomen der besonderen Art: Im Tuttlinger Stadtteil Möhringen verschwindet die Donau – mit einer Gesamtlänge von 2587 Kilometern immerhin der zweitlängste Fluss Europas – von der Erdoberfläche.

Das Wasser versickert und fließt unterirdisch in Deutschlands größte Quelle, den Aachtopf. „Im Sommer liegt Wien am Krähenbach“, sagt Walter Knittel, Geschäftsführer der Donaubergland GmbH, und erläutert damit scherzhaft die Folgen der Versickerung.

 Bei Tuttlingen an der Donau
Bei Tuttlingen an der Donau (Foto: dpa)

Vor allem in den Sommermonaten wird die Donau, die durch Tuttlingen in Richtung des Schwarzen Meers fließt, von den kaum bekannten Zuflüssen Krähenbach (bei Möhringen) und Elta (bei Tuttlingen) gespeist. Ohne das Wasser würde das Flussbett in der Kreisstadt an mindestens 155 Tagen vollständig ausgetrocknet sein – somit hat die Bemerkung Knittels durchaus seine Berechtigung.

Zwei Meere? Wie geht das?

Erst mit dem Nass aus Elta und Krähenbach entwickelt sich der Fluss, den Brigach und Breg bei Donaueschingen sprichwörtlich zu Weg bringen, zu dem Strom, der durch insgesamt zehn europäische Staaten fließt.

Die Meinung, dass die Versickerung der Donau bei Möhringen einzigartig in der Welt sei, teilt Knittel aber nicht. „Das gibt es mehrfach“, sagt er. Allein im Landkreis Tuttlingen gibt es zwischen Immendingen und Fridingen mehrere dieser Stellen.

Zur Verbesserung des Wasserstands der Donau im Bereich Tuttlingen wurde vor Jahrzehnten ein Stollen zur Umgehung der Donauversickerung gebaut. (Foto: sz)

Einzigartig in der Welt sei aber, dass die Donau durch die Versickerung in gleich zwei Flüsse und damit Meere fließt. Wie geht das? Neben dem bekannten Weg ins Schwarze Meer mündet die Donau auch in die Nordsee. Das Wasser, das in Tuttlingen verschwindet, sickert unterirdisch rund 183 Höhenmeter und zwölf Kilometer weit in den Aachtopf.

Über den kleinen Fluss Aach fließt das Wasser in den Bodensee und über den Rhein in das Gewässer an Deutschlands Spitze. Folglich, so meint die Tourismus-GmbH des Tuttlinger Landkreises, könne man auch Bonn, Köln oder Düsseldorf an der Donau verorten.

Spalten und Hohlräume - der Kalk ist Schuld

Schuld an diesem Phänomen sind die kalkigen Gesteinsschichten aus der Jura-Zeit, aus denen ein Großteil der Schwäbischen Alb aufgebaut ist. Durch chemische Lösungsprozesse an der Oberfläche wie auch im Untergrund kommt es in dem Kalkgestein zur Ausbildung von Spalten und Hohlräumen. Dorthin verschwindet das Donauwasser. Man habe, sagt Knittel, die Bedeutung der Versickerung lange Zeit touristisch verkannt.

Nun ist die Stadt Tuttlingen zusammen mit dem Kreis, der Gemeinde Immendingen sowie den Städten Fridingen und Aach bestrebt, die Bedeutung hervorzuheben. „Da ist noch mehr Potenzial drin“, ist Knittel überzeugt – auch wenn es keine messbaren Zahlen vom Besuch der Versickerungsstelle gebe. So wurden Informationsstellen geschaffen, an denen Bürger Wissenswertes zur Donau erfahren. Auch wenn das Wasser im Sommer fehlt, hat die Donau für Besucher ihren Reiz. Im Flussbett kann man Versteinerungen von Tieren finden, die vor Millionen von Jahren dort gelebt haben.

Kaum bekannt: In Fridingen existiert auch eine Donauversickerung. Die soll im Rahmen eines interkommunalen Projekts mit einem Zugang und einem neuen Infostand aufgewertet werden. (Foto: Fotos: David Zapp)

In der Stadt Tuttlingen hat sich die Bedeutung der Donau gewandelt. Lange Jahre wurde der Fluss gewerblich genutzt. Die Gerbereien am Ufer leiteten das Wasser aus der Lederproduktion ein. Davon ist nichts mehr zu sehen. Im Jahr 2003 wurde das Ufer der Donau umgestaltet, es entstand im Rahmen einer kleinen Landesgartenschau ein Donaupark mit vielen Freizeitmöglichkeiten.

Möglicherweise wird sich das Bild der Donau bald wieder verändern. Die Umsetzung der europäischen Wasserrahmenrichtlinie ist in einem Rechtsstreit zwischen der Stadt auf der einen, sowie dem Landkreis, dem Regierungspräsidium Freiburg und dem Land Baden-Württemberg auf der anderen Seite gemündet. Damit die Wasserqualität und die Durchwanderbarkeit des Flusses für Kleinstlebewesen verbessert wird, soll die Donau im Bereich der Tuttlinger Innenstadt nicht mehr so hoch aufgestaut werden. Dann wären die Auswirkungen der Versinkung noch sichtbarer.

Die Donau führt in Tuttlingen aber nicht immer wenig Wasser: In den Jahren 1953, 1990 und 2014 stand die Kreisstadt nach Schneeschmelzen im Schwarzwald und starken Regenfällen unter Wasser.

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